Publikationen

Wissenschaftliche Publikationen / Fachliteratur

Stellen Sie der wissenschaftlichen Gemeinschaft eine interessante Publikation vor. Wir freuen uns, wenn Sie diese Publikation für uns rezensieren.


30.07.2020
Ingo Müller
Maskenspiel und Seelensprache
Zur Ästhetik von Heinrich Heines "Buch der Lieder" und Robert Schumanns Heine-Vertonungen
Freiburg i. Br. (Rombach Wissenschaft) 2020

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01.07.2020
Peter Schnyder
Erdgeschichten
Literatur und Geologie im langen 19. Jahrhundert
Würzburg (Königshausen & Neumann) 2020

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25.06.2020
Ina Henke
Weiblichkeitsentwürfe bei E.T.A. Hoffmann
"Rat Krespel", "Das öde Haus" und "Das Gelübde" im Kontext intersektionaler Narratologie
Berlin (De Gruyter) 2020

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15.05.2020
Klaus Kanzog
E. T. A. Hoffmann und Heinrich von Kleist
Textbeobachtungen - Spurenelemente
Niederstetten (Günther Emigs Literatur-Betrieb) 2020

Zur Rezension vergeben am 15.05.2020.
09.04.2020
Antje Arnold, Walter Pape und Norbert Wichard (Hgg.)
Einsamkeit und Pilgerschaft
Figurationen und Inszenierungen in der Romantik
Berlin (De Gruyter) 2020

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09.04.2020
Nina Amstutz
Caspar David Friedrich
Nature and the Self
Yale (Yale University Press) 2020

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03.04.2020
Jana-Katharina Mende
Das Konzept des Messianismus in der polnischen, französischen und deutschen Literatur der Romantik
Eine mehrsprachige Konzeptanalyse
Heidelberg (Universitätsverlag Winter) 2020

Zur Rezension vergeben am 02.04.2020.
02.01.2020
Stefanie Junges
Oszillation als Strategie romantischer Literatur
Ein Experiment in drey Theilen
Paderborn (Ferdinand Schöningh) 2020

In ihrer Dissertationsschrift Oszillation als Strategie romantischer Literatur. Ein Experiment in drey Theilen versucht Stefanie Junges einen innovativen Zugang zur historischen Romantik und zur Romantikforschung zu entwickeln. Erschienen ist die Untersuchung in der von Peter-André Alt und Monika Schmitz-Emans herausgegebenen Reihe Schlegel-Studien. Sie fokussiert sich auf den der Physik entliehenen Begriff der Oszillation. Junges erkennt in ihm die zentrale Strategie romantischer Literatur- und Theorieproduktion. Die Romantikforschung sieht sie mit einer „grundlegende[n] Problematik” behaftet. Anstatt Momente des „Nichtverstehen[s]” romantischer Texte als Ausdruck einer programmatischen Oszillationsstrategie zu begreifen, versuche die Forschung, sie auf „operationalisierbare” Modelle zu reduzieren.

Um das „Gravitationsfeld” Romantik auszuloten, schlägt Junges einen „induktiven [...] Textzugriff[ ]” vor. Romantische Unverständlichkeitsstrategien und deren Effekte auf die Textrezeption sollen prozessual nachvollzogen werden. Bemerkenswert an Junges Arbeit ist, dass sie in Anknüpfung an die „progressive[ ] Universalpoesie” die Gattungsgrenzen von Literatur, Philosophie und Wissenschaft zu überwinden versucht. Dies zeigt sich in Dialogen („Im Zwischenraum”), in denen sich fiktive Teilnehmer austauschen, oder in Passagen, die einen „scientific stream of consciousness” entfalten, um den Prozess des Textverstehens zu reflektieren. Durch diese Experimente soll die Frage beantwortet werden, wie sich Oszillation im heterogenen Schaffen der Romantiker äußert und ob sich diese Strategie analysieren lässt, ohne die Mehrdeutigkeit romantischer Textproduktion zu zerstören.

Die Dissertationsschrift gliedert sich in drei, als Bücher bezeichnete Teile. Das erste Buch ist in zwei Abschnitte aufgeteilt. Zuerst widmet sich Junges programmatischen Texten der Romantik („Ersten Buches Erster Theil”) u. a. aus den Bänden des Athenaeum[s]. Wesentlich ist die Rekonstruktion von Novalis’ und Friedrich Schlegels Haltung zu Definitionen und Systemen. Diese werden zwar als „Hilfskonstrukte” anerkannt, zugleich wird „Modelle[n]” attestiert, ihren Gegenstand, die Poesie, zu beschneiden. Anknüpfend an romantische Formbestände wie Dialogizität, Ironie, Arabeske, Fragment und das Phantastische wird hier das Konzept der Oszillation entfaltet. Dieses tritt in Gestalt von „handlungsinternen Grenzüberschreitungen”, „formalen Überschreitungen innerhalb eines Textes” oder beim „Übertreten von Textgrenzen” zu Tage. Im zweiten Teil des ersten Buches („Ersten Buches Zweyter Theil”) werden in Abgrenzung zu Positionen der Romantikforschung die Thesen des ersten Teils verlängert. Es wird ein Zusammenhang hergestellt zwischen dem mehrdeutigen Oszillieren der Primärtexte und den aus Junges Sicht reflexhaften Versuchen, das ‚Romantische‘ abschließend zu bestimmen.

Im zweiten Buch („Zweytes Buch”) werden die Oszillationstrategien anhand vertiefender Analysen literarischer Texte dargelegt. Im ersten Kapitel wird das Phänomen der Oszillation anhand der von Zeitgenossen stark kritisierten Erzählstruktur der Lucinde von Friedrich Schlegel erörtert. Das zweite Kapitel befasst sich mit Ludwig Tiecks Theaterstück Der gestiefelte Kater und behandelt die Rolle von Metaebenen und die Rolle des Phantastischen. In der Gegenüberstellung von E. T. A. Hoffmanns Fortsetzungsgeschichten Die Irrungen und Die Geheimnisse im dritten Kapitel fördert Junges dann zahlreiche intertextuelle Verweise zu Tage und zeigt die Vervielfachung von Rezeptionsebenen auf. In diesen Abschnitten der Studie kommt die Verfasserin ihrem experimentellen Anspruch auf verschiedene Weise nach: Im Lucinde-Kapitel soll durch eine „Umordnung” der Unordnung der Erzählstruktur eine lineare Fassung des Primärtextes vorgestellt werden, um den Lektüreeffekt der tatsächlichen Version genauer rekonstruieren zu können. Das Tieck-Kapitel entspricht der Struktur des Metadramas, wobei durch einen ausufernden Fußnotenapparat eine Verdopplung von Fließtext und Kommentarebene hergestellt wird. Das Kapitel zu Hoffmanns Erzählungen wird dagegen durch die Rekonstruktion einer komplexen Wissensregie getragen, mit welcher der Autor den ästhetischen Effekt des Wiedererkennens unterwandert.

Das dritte Buch („Drittes Buch”) ist von ausblickhaftem Charakter. Junges bekräftigt ihren Zugang, der sich einer „künstlich auferlegten theoretischen Fixierung” entziehen will. Diskutiert wird der mögliche Mehrwert des Oszillationskonzepts für die Forschung. Während romantische Poesie mit der Metapher des „Spiegelkabinetts” beschrieben wird, unterbreitet Junges den Vorschlag, Oszillation nicht nur als Strategie romantischer Texte in den Blick zu nehmen, sondern auch dem „wissenschaftlichen Diskurs” zu Grunde zu legen. Laut Junges bzw. den im Zwischenraum sprechenden, fiktiven Dialogteilnehmern bestehe darin die zentrale Innovation der Studie, die „noch keiner vorher in Erwägung gezogen” habe.

Zu den Stärken von Junges Metastudie gehört, dass sie einen kritischen und einfallsreichen Zugang zu Definitions‑ und Analysefragen eröffnet, die in Forschungsprozessen eine zentrale Rolle spielen. Bereichernd für die Romantikforschung ist ihr Versuch, Prozesse des Textverstehens als ein Phänomen zu begreifen, das sich auf verschiedensten Ebenen abspielt: auf der Ebene textueller Strategien, der Rezeption sowie im Zusammenspiel verschiedener Text‑ und Wirklichkeitsreferenzen. Insbesondere in den Kapiteln zu den literarischen Texten erweist sich Junges Zugang als überaus produktiv und eigenständig, beispielhaft ist hier das Hoffmann-Kapitel anzuführen. Anstatt sich einer bestimmten Theorieströmung anzuschließen, versucht die Studie aus einer erzählanalytisch geprägten Perspektive, pragmatisch Zusammenhänge aufzudecken.

Aus dieser Positionierung erwachsen im Verlauf der Untersuchung allerdings auch Probleme. Allzu willkürlich wirken manche Entscheidungen der Verfasserin, etwa wann man auf den als reduktionistisch ausgewiesenen Forschungsdiskurs zurückgreifen sollte und wann nicht. Gattungs‑ und Epochenzuordnungen werden weiter verwendet, nur eben dort nicht, wo es „nicht für die Analyse von Bedeutung ist”. Die eher philosophisch-dialogischen als literarischen Verfahren stehen in der Studie manchmal recht unvermittelt neben Abschnitten, die ihren Erkenntniswert auf konventionelle Weise generieren. Es drängt sich die Frage auf, ob der Wert der experimentellen Verfahren an allen Stellen tatsächlich so groß ist, wie behauptet. Man darf überdies in Abrede stellen, dass es die Aufgabe einer wissenschaftlichen Untersuchung sein sollte, das Geschäft der Romantiker fortzuführen. Wenn nämlich Oszillation eine Strategie ist, dann gilt es, diese nicht zu verlängern, sondern − wie in Junges Studie streckenweise durchaus realisiert − aufzudecken und in ihrer ästhetischen Eigenlogik zu durchdringen. Eine Rückbindung an historisierende Forschungsperspektiven, wie sie vor allem im Hoffmann-Kapitel anklingen, hätte in diesem Zusammenhang womöglich noch weitere Einblicke in das Phänomen der Oszillation erlaubt.

Was Junges Untersuchung in einem derart intensiv beforschten Gebiet wie der Romantik gelingt, ist weniger eine bahnbrechende (anti‑)methodische Innovation, als vielmehr eine erkenntnisfördernde Vermittlung zwischen wissenschaftlichem Gegenstand und Methodik. Statt die romantischen Texte stillzustellen, werden die von ihnen angestoßenen Forschungs‑ und Rezeptionsprozesse rekonstruiert. Damit liefert die Untersuchung im Kontext der Romantikforschung wichtige Impulse: Wo sind Modelle zu reduktionistisch? Wie ist mit dem umzugehen, was bei der analytischen Synthese unter den Tisch fällt? Und wie kann das derart Ausgegrenzte von einer wissenschaftlichen Untersuchung reflexiv eingeholt werden?

Sebastian Weirauch, 2.06.2020
30.12.2019
Nicolas von Passavant
Nachromantische Exzentrik
Literarische Konfigurationen des Gewöhnlichen
Göttingen (Wallstein Verlag) 2019

Nicholas von Passavant entwickelt in seiner Monographie (zugl. Univ. Basel, Diss. 2017) auf Basis von Fragmenten des Novalis eine Denkfigur des Exzentrischen, die er durch zwei Jahrhunderte bis in die literarische Gegenwart verfolgt. Am Ende der Studie steht Udo Lindenberg mit seinem Schlapphut, seinem eigensinnigen Schlag ins Lässige, so wie ihn Benjamin von Stuckrad-Barre in seinem Buch „Panikherz“ beschreibt. Für Nicolas von Passavant ist er ein letzter großer Erbe romantischer Exzentrik.

Der Verfasser leitet seine Analysekategorie im ersten Kapitel aus einem von Novalis verwendeten Bild ab: einem um die Sonne kreisenden Kometen, der sich nicht auf einer konzentrischen Bahn bewegt, sondern dem Mittelpunkt mal näher, mal ferner steht: ein „wahrhaft eccentrisches Wesen – der höchsten Erleuchtung und der höchsten Verdunklung fähig“ (14), in seinen Aggregatzuständen zwischen fest und flüssig wechselnd. Das von einer schmalen Textbasis abgeleitete „exzentrische“ Spannungsprinzip legt von Passavant seiner gesamten Studie zugrunde.

Nicht unproblematisch ist dabei, dass der Verfasser die als exzentrisch charakterisierten Pole immer wieder neu besetzt und immer weiter ausdehnt: Zunächst wird das Spannungsprinzip auf den für die Romantik konstitutiven Gegensatz von Gewöhnlichem und Mystisch-Geheimnisvollem übertragen. Exzentrik verbinde Exaltation und Ekstase mit dem Alltäglichen, dessen oft unterschätzte Bedeutung für das romantische Denken im ersten Kapitel herausgearbeitet wird. Dieser Konnex – darauf weist der Verfasser selbst hin – wäre mit dem Begriff des „Romantisierens“ ebenso gut umschrieben.

Nicolas von Passavant erklärt Exzentrizität sowohl zur Grundlage einer romantischen Konzeption von Subjektivität als auch der Ästhetik und des Politikverständnisses von Hardenbergs. Wie der Komet, der sich wechselseitig erhitzt und abkühlt, funktioniere das „expressive“, sich selbst setzende Subjekt, zu dessen Kennzeichnung der Verfasser auf einen Begriff Charles Taylors (und Isaiah Berlins) zurückgreift. Von Passavant überträgt die „exzentrische Bewegung“, aber auch auf Fragen der Ästhetik, denn sie liege zum Beispiel den Überlegungen zur Romanform zugrunde. Nicht zuletzt in den politischen Entwürfen von Hardenbergs sieht der Verfasser die Prinzipien von „Verflüssigung“ und „Verfestigung“ wirken. Der preußische Staat würde kritisiert, um Individualisierungen zu fordern. Eine Flexibilisierung solle aber nicht so weit gehen, die Existenz eines Zentralgestirns in Gestalt des preußischen Königs (Glauben und Liebe) oder des europäischen Katholizismus (Europa-Rede) anzuzweifeln.

In drei umfangreichen Folgekapiteln untersucht von Passavant subjektkonstituierende, poetologische und politische Spielarten der Exzentrik unter den sich verändernden Bedingungen des 19., 20. und 21. Jahrhunderts. Zunächst nimmt er Sonderlings-Figuren in Erzählungen von Jean Paul („Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch“), E.T.A. Hoffmann („Meister Floh“) und Jeremias Gotthelf („Hans Joggeli der Erbvetter“) in den Blick. Modifikationen stellt er etwa dort fest, wo Jean Paul und Hoffmann politische Vorstellung von Novalis zu einer Mitleidsethik modifizieren. Dass exzentrische Subjektivität sich mit der zunehmenden Institutionalisierung von Demokratie verändere, gehört zu den Kernthesen des theoretisch versierten Verfassers, der seine Textbeobachtungen zu einer Fülle verschiedenster Diskurse ins Verhältnis setzt. Zur prominenten Bezugsgröße wird etwa Chantal Mouffes Theorie der Agonistik, derzufolge liberale Demokratien sich durch die Einsicht auszeichnen, dass Konflikt und Auseinandersetzung sowie die Notwendigkeit, sich mit ihnen zu befassen, niemals verschwinden (120). Anders als in der romantischen Annahme einer ästhetisch harmonisierten Staatsform wachse die Bereitschaft, Dissonanz auszuhalten. Die romantische „Bewegungsfigur des subjektiven und gesellschaftlichen Wechselspiels von Dynamisierungs- und Beruhigungsverfahren“ (122) entwickelte sich also in zunehmend demokratische Verhältnisse hinein.

Dies zeigt auch das folgende Kapitel, das Interpretation von Werken Friedrich Theodor Vischers („Auch Einer“), Theodor Fontanes („L’Adultera“) und Wilhelm Raabes („Stopfkuchen. Eine See- und Mordgeschichte“) unter dem Titel der „Cynischen Exzentrik“ zusammenführt. Vorgestellt werden hier Dissensfiguren, die ein weiterhin anhaltendes Bedürfnis nach Ausgleich mit der Welt mit subjektiver Polemik und inneren Konflikten verbinden. Irritierender Weise wechselt die Bedeutung von „exzentrisch“ im Laufe der Studie: Mal handelt es sich um die Bezeichnung für ein Spannungsfeld, ein andermal allein um den Pol des Außergewöhnlichen und Eigensinnigen, findet also ein eher alltagssprachliches Verständnis Verwendung. Das Spannungsfeld selbst wird immer wieder neu belegt und kann zwischen „Einheit“ und „Vielheit“, „Verflüssigung“ und „Formgebung“ aufgespannt sein oder sich in „Vernunft“ und „Körperlichkeit“, „Exaltation“ und „Regression“ konkretisieren. Es begegnet in den verschiedensten, oft in essayistischer Manier dargebotenen Kontexten. So wird der Eigensinn der Fontane-Figur etwa zu einem antisemitischen Judenbild seiner Zeit ins Verhältnis gesetzt. Das ist interessant und wichtig. Das Buch scheint sich seinem Gegenstand aber manchmal zu sehr anzuverwandeln: So anregend, klug und kenntnisreich es ist – man wünscht sich mehr konzentrierte Bahnen und weniger genialische Abschweifungen des Kometen auf seiner Bahn.

Das 20./21. Jahrhundert wird mit acht Stationen durchlaufen – von Robert Walser über Hans Fallada und Wolfgang Koeppen bis zu gegenwärtigen Texten von Sibylle Lewitscharoff und Benjamin von Stuckrad-Barre. Hier werden die unter dem Signum „Exzentrik“ versammelten Analysen zunehmend divers und binden von einer Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus (bei Fallada und Koeppen) bis zur Popkultur (Stuckrad-Barre) verschiedenste Zeitphänomene ein. Für die Studie grundlegend, wird insbesondere zur Erklärung popkultureller Selbstentwürfe und Gefährdungen der kultursoziologische Ansatz von Andreas Reckwitz herangezogen. Betont Reckwitz doch, dass die Entwicklung subjektiver Expressivität sich von einem romantischen Phänomen zu einem Imperativ der Gegenwart entwickelt habe. Wie die kreative Praxis des expressiven Subjekts zu einem Selbstoptimierungsdispositiv mit zerstörerischem Potential werden konnte, zeigt von Stuckrad-Barres Selbsterkundungsbuch „Panikherz“.

Das letzte Kapitel der Monographie bietet ein Fazit und fragt mit gegenwartsdiagnostischem Anspruch: „Was ist nachromantische Exzentrik?“ Nicolas von Passavant fasst es so zusammen: Dem modernen Subjekt ist die Erlangung einer dauerhaften inneren Harmonie verwehrt, die Romanpoetik muss sich immer neue Selbstdefinitionen erarbeiten, die Gesellschaft kann sich immer nur auf Zeit stabilisieren. In den Bereichen der Subjektgenese und der Poetik, vor allem aber auch auf dem Gebiet der Politik kommt es zu Aushandlungsbewegung zwischen dem Dynamisch-Konflikthaften und einer gewissen Stabilisierung. Die Romantik stellt mit der „Exzentrik“ ein Verfahren zur Verfügung, mit dem eine „essentialistisch-verfestigende“ und eine „eklektizistisch-verflüssigende“ Haltung in eine „Wechselbewegung“ gebracht werden können (218). Dieses Prinzip der Gegenläufigkeit verteidigt von Passavant gegen vereinseitigende Vereinnahmungen der Romantik im Verlauf ihrer Rezeptionsgeschichte. Das Wechselspiel hält von Passavant für den entscheidenden Impuls, der für die Gegenwart genutzt werden sollte.

Sandra Kerschbaumer, 30.03.2020
16.12.2019
Nicole A. Sütterlin
Poetik der Wunde
Zur Entdeckung des Traumas in der Literatur der Romantik
Göttingen (Wallstein Verlag) 2019

Zur Rezension vergeben am 10.01.2020.
30.11.2019
Jacob Burda
Das gute Unendliche in der deutschen Frühromantik
Stuttgart (J. B. Metzler) 2019

Spätestens seit Hegels Polemik gegen die Brüder Schlegel (in seinen Vorlesungen über die Ästhetik) haftet der Frühromantik das Verdikt eines weltfremden Absolutheitsstrebens an, das, gerade weil es zu keinem Ziel kommt, in einem Zustand resignativer Untätigkeit endet. Die für einen Teil der Forschung folgenreiche Deutung Manfred Franks hat dieses Romantikbild bestätigt, wenn auch positiver gewertet. Frank führt das Programm der Frühromantiker auf deren Kantrezeption zurück, namentlich auf die Unterscheidung zwischen ‚Erscheinung‘ und ‚Ding an sich‘. Anders als der Idealismus glaubt das frühromantische Subjekt an eine absolute Wirklichkeit außerhalb seiner selbst, kann diese aber nur suchen, niemals finden und macht sie so zum Gegenstand einer ‚unendlichen Annäherung‘.

Gegen diese in der Folge Franks entstandene „übliche Lesart der deutschen Frühromantik“ (S. XIII) richtet sich die zunächst auf Englisch und nun auf Deutsch erschienene Dissertation Jacob Burdas über das gute Unendliche in der deutschen Frühromantik. Den Deutungsmustern der „unerfüllte[n] Sehnsucht“ und „unendliche[n] Annäherung“ (S. XIII) setzt das Buch eine „‚versöhnliche Lesart‘“ entgegen, „nach der die Romantiker eine harmonische Beziehung zwischen uns und der Welt befürworten“ (ebd.). Diese Versöhnungsidee bringt Burda auf die Formel jener „‚guten Unendlichkeit‘“, die man zwar eigentlich mit Hegel assoziiert, die aber die Frühromantiker laut Burda „vorwegnahmen“ (ebd.). Von dem „unerreichbaren Unendlichen“ (S. 2) unterscheidet sich die gute Unendlichkeit dadurch, dass in ihr das „Endliche und das Unendliche vereint sind statt in Gegensatz zueinander zu stehen“ (ebd.). Wie die Synthese von Endlichem und Unendlichem erfolgen soll, zeigt das zweite Kapitel, in dem die Romantik als „eine Form der Phänomenologie“ (S. 10) beschrieben wird. Die Romantiker unterscheiden sich von einem Dualismus im Sinne Kants darin, so Burda, dass sie „nicht […] am Begriff des Ding-an-sich festhalten“ (S. 30), sondern eine immanente Einheit der Phänomenwelt postulieren und damit bereits im 18. Jahrhundert eine Position vertreten, die viel später „Martin Heidegger“ in seinem Hauptwerk „Sein und Zeit“ (S. 31) ausformulieren sollte.

Die Romantik vom Stigma der Wirklichkeits- und Weltverachtung zu befreien, ihre versöhnlichen Züge zu betonen und sie darüber hinaus mit der zeitlich weit entfernten Phänomenologie Heideggers in Verbindung zu bringen, ist ein ambitioniertes und originelles Unterfangen. Indes schlägt die versöhnungsorientierte Lektüre bei Burda aufs Konto der Konfliktbeschreibung und die historische Entgrenzung geht zu Lasten differenzierter Textanalysen. So liegt Burda zwar darin richtig, dass Schlegel mit seiner Rede vom ‚inneren Leben‘ (in Die Entwicklung des inneren Lebens) auf die immanente Erfahrbarkeit des Unendlichen zielt. Die frühromantische Poetik der Rätsel und Andeutungen, durch die das eigentlich Gemeinte einerseits postuliert, andererseits verunklart wird, entgeht ihm dabei aber. Dezidiert spricht Schlegel hinsichtlich der Frage, wie das Subjekt Zugang zum ‚inneren Leben‘ findet, von einem „Rätsel“, dessen Auflösung man nicht ausbuchstabieren, allenfalls „andeuten“ (ebd.) kann. Solche Formulierungen unterscheiden frühromantische Texte von der Eigentlichkeitsprosa Heideggers. Nicht nur in der Formensprache, sondern auch in der intellektuellen Programmatik unterschlägt Burda zudem einen kardinalen Unterschied. Während Heidegger, wie Burda mit Sloterdijk richtig beschreibt, eine Philosophie ‚nach Gott‘ formuliert und alle Evidenz aus dem immanenten ‚Sein‘ selbst bezieht, ist für die Romantiker die transzendente Sinngebung nicht in gleicher Weise erledigt. Kants ‚regulative Ideen‘ sind für die Romantiker gerade deshalb ein attraktives Angebot, weil diese bereits den Versuch darstellen, Elemente der traditionellen theologischen Metaphysik zu rehabilitieren und gegen den Empirisierungstrend der Zeit in Stellung zu bringen. Es ist schon richtig, dass für die Romantiker das „‚Gefühl‘ […] eine viel größere Rolle“ spielt „als für Kant“ (S. 30). Im Medium des Gefühls können die bei Kant bloß regulativen Postulate wie ‚Gott‘, das ‚Absolute‘ oder das ‚ganze Ich‘ momenthaft erahnt werden. Indes übergeht Burda die erkenntniskritischen Einschränkungen, mit denen insbesondere bei Novalis das Gefühl oder ‚Selbstgefühl‘ versehen werden, so etwa, wenn er in den Fichte-Studien über die „Grenzen des Gefühls“ nachdenkt, die gleichzeitig die „Grenzen der Filosofie“ sind, oder anmerkt, dass das „Gefühl […] sich nicht selber fühlen“ und damit in kein nachhaltiges reflexives Bewusstsein überführt werden kann.

Im dritten Kapitel wendet sich Burda Novalis’ Hymnen an die Nacht zu. Treffend merkt er an, dass die Nacht in diesem Text als Erfahrungsmodus poetisiert wird, bei dem das Ich aufhört, „zwischen Dingen zu unterscheiden“ und die „Welt“ als eine „grenzenlos[e]“ erlebt (S. 56). Auch bemerkt Burda, dass es dem Text nicht darum geht, diesen nächtlichen Erfahrungsmodus zu verabsolutieren, sondern ihn zum Teil „unserer alltäglichen Welt“ (ebd.) zu machen und damit lebenspraktisch zu integrieren. Dass der Text auch die Schwierigkeiten dieser Integration kommuniziert, wird von Burda aber nicht gesehen. Völlig uninterpretiert bleibt der Umstand, dass hier zunächst ein Ich von der Sphäre des Tages aus spricht und sich erst in einem zweiten Schritt der Nacht zuwendet. Das Ich, so hätte man diese Sprecherkonstruktion deuten können, repräsentiert ein aufgeklärt-differenziertes Bewusstsein, das den Blick zwar auf eine differenzlose metaphysische Einheit richtet, dabei aber an erkenntnis- und sprachbezogene Grenzen stößt. Diese Grenzen kommuniziert bereits die erste Hymne, wenn sie die Nacht als „Mantel“ verbildlicht, dessen verhüllter Inhalt zwar „kräftig an die Seele geht“, aber doch gleichzeitig „unsichtbar“ und „unaussprechlich“ bleibt. Was die Nacht im Kern ausmacht, lässt sich weder sehen noch sagen und deshalb nur schwerlich in das aufgeklärte Bewusstsein integrieren.

Im vierten Kapitel zur romantischen Methodologie wendet sich Burda unter anderem Hölderlin zu. Dass dieser Autor so umstandslos den Frühromantikern zugerechnet wird, überrascht. Zumindest hätte sich Burda einmal mit der Forschung auseinandersetzen können, in der die Stellung Hölderlins zu den Frühromantikern seit langem kontrovers diskutiert wird. Anhand der von ihm sehr kurz behandelten Elegie Brod und Wein hätte er die deutlichen Abweichungen Hölderlins von der Romantik gut darstellen können. Insbesondere im Vergleich zu Novalis’ Hymnen fallen das viel idealistischere Antikebild, die ungebrochenere Emphase des Ichs und die klassischere Formensprache bei Hölderlin geradezu ins Auge. Weil Burda in dieses und andere Hölderlingedichte aber eher reinschnuppert als sich analytisch vertieft, gehen ihm solche Differenzen durch die Lappen.

Wie ein Blick in das nur anderthalbseitige Sekundärliteraturverzeichnis zeigt, hat sich Burda mit der umfassenden und reichhaltigen Romantikforschung der letzten Jahrzehnte nicht auseinandergesetzt. Insbesondere die jüngere Forschung zu Schlegel und Novalis fehlt hier völlig. Dass Burda gegen eine „übliche Lesart“ der Romantikforschung anschreiben will, ist löblich. Indes kann man sich fragen, ob Manfred Franks kantianische Romantikdeutung überhaupt ‚übliche Lesart‘ ist oder nicht schon seit Jahrzehnten mit einer sinnes- und körperpoetologischen Auslegung konkurriert, die ihre Bezüge eher in der nichtkantischen empirischen Spätaufklärung findet. Eine Positionierung im Spannungsfeld bestehender Deutungen hätte die argumentative Kontur des Buches geschärft und seinem bisweilen eindimensionalen Tenor produktiv entgegengewirkt.

Hinsichtlich der Auseinandersetzung mit den Primärtexten wäre weniger Streifzug und mehr frühromantische Suchbewegung gut gewesen. Das Buch hat schöne Einfälle und Gedanken, die sprachlich auch überwiegend gut präsentiert werden. Indem Burda aber über viele der behandelten Texte nur flüchtig hinweggeht, wirkt seine Studie wie der Spaziergang eines Autors, der dann doch lieber schnell nach Hause will, bevor er sich im Dickicht der Geisteshistorie verirrt. Die Monographie wird in der deutschen Übersetzung von Bazon Brock eingeleitet und enthält am Ende eine Replik von Manfred Frank. Ob das im Ansatz ja sehr selbstständige Buch dieses gönnerhafte Geleit braucht, sei dahingestellt.

Jens Ole Schneider, 27.06.2020
28.10.2019
Hendrikje Schauer, Marcel Lepper (Hgg.)
Neue Romantik
Eine kleine Literaturgeschichte 1989-2019
Stuttgart (Works & Nights) 2019

Der Titel dieses Büchleins, das im handlichen Format erschienen ist und gute hundert Seiten umfasst, ist missverständlich: Es handelt sich nicht um eine „kleine Literaturgeschichte“ der „Neuen Romantik“. Nein, es handelt sich um gar keine Literaturgeschichte. Denn Werke dieser Gattung nehmen – bei aller historischen Wandelbarkeit – stets Periodisierungen und Kategorisierungen vor. Und trotz des inzwischen selbstverständlichen Nachdenkens über den konstruktiven Akt jeder Geschichtserzählung und dem weit verbreiteten Wissen um dessen zwangsläufige perspektivische Einschränkung bleibt das Stiften eines Zusammenhangs doch Funktion und Ziel einer Literaturgeschichte.

Genau diese Funktion und dieses Ziel werden im Band von Hendrikje Schauer und Marcel Lepper suspendiert, indem sie eine alphabetisch gereihte Sammlung von Stichworten bieten: von „Allegorie“, über „“Doppelgänger“ bis zu „Mond“, „Wolf“ und „Zauberwort“. Zu jedem dieser Lemmata liefern verschiedene Beiträger längere oder kürzere Abhandlungen. Diese verbinden entweder gegenwärtige literarische Diskurse und Phänomene oder einzelne Autoren und Autorinnen mit Aspekten der historischen Romantik. Schon 1798/99 hatte Friedrich von Hardenberg in seinem „Allgemeinen Brouillon“ ein enzyklopädistisches Vorgehen gepriesen – keine umfassende und ordnende Sammlung von Wissens, sondern „Verhältnisse – Aehnlichkeiten – Gleichheiten – Wirkungen der Wissenschaften aufeinander“. Aber er hatte dabei wohl mehr im Sinn als diese manchmal willkürlich wirkende Auswahl von Eintragungen ganz unterschiedlicher Qualität.

Unter dem Stichwort „Berge“ verzeichnet etwa Eckard Schumacher motivische Verwandtschaften zwischen Judith Schalansky, Ludwig Tieck und E.T.A. Hoffmann. Unter „Bund“ verfolgt Marcel Lepper das Fortwirken politisch problematischer Potentiale, die er bei Hölderlin und Stefan George (und seinem Kreis) ausmacht: ein magisch gestimmtes Programm gegen „die modernen, rationalen, verfahrensförmigen, entpersonalisierten Institutionen“. Dieses Programm wird nach Einschätzung Leppers über die George-Emphase in die frühe und mittlere Bundesrepublik transportiert. Es findet nicht nur in pädagogische Bildungsideale Eingang, sondern auch in das Denken der politischen Linken. Gerade weil die Kenntnis dieser Tradition dem Autor zufolge auch für das Verständnis gegenwärtiger Debattenbeiträge der Neuen Rechten wichtig ist, wünscht man sich eine solidere argumentative Untermauerung und eine ruhigere Analyse des Gegenstandes.

„Erlösung“ ist das Stichwort, unter dem Kai Sina konzentrierte Einsicht in eine romantische Denkfigur gewährt. Anhand der überraschenden Koppelung von Walter Kempowskis kollektivem Tagebuch „Echolot“, der monomentalen Textcollage zum zweiten Weltkrieg, und dem in den Vorbemerkungen zur vielstimmigen Sammlung zitierten romantischen „Zauberwort“ erklärt Sina, wie Kempowskis die Hoffnung auf eine erlösende Befreiung von der Vergangenheit als Phantasma entlarvt. Der folgende Eintrag „Flucht“ lässt den Leser staunen, wie er in diesen Band gelangt ist – etwa, weil es im „Heinrich von Ofterdingen“ einen „Fremden“ gibt? Zur „Ironie“ wird von Philipp Felsch und Andreas Bernard eine wissensgeschichtliche Einordnung geboten. Der Eintrag zu „Jagd“ von Georg Dotzauer beschäftigt sich ebenfalls mit gegenwärtigen politischen Auseinandersetzungen und erklärt die Polarität von Durs Grünbein und Uwe Tellkamp, die in der Debatte über die Liberalität der bundesdeutschen Öffentlichkeit im Dresdner Kulturpalast zu Tag trat. Dotzauer weist Tellkamps Nähe zum Werk Ernst Jüngers nach und liest den Roman „Der Eisvogel“ als „Plädoyer für eine konservative Revolution“. Doch auch hier bleibt das so notwendige Herausarbeiten romantischer Züge der demokratieskeptischen Tradition zu vage.

Neben den bereits Genannten werden Autoren und Autorinnen wie etwa Rainald Götz, Christian Kracht, Sibylle Lewitscharoff, Reinhard Jirgl, Gianna Molinari, und Leonhard Hieronymi zu Gegenständen von Artikeln, die sich – wie im Falle von Hauke Kuhlmanns anregenden Analyse des Gedichtbands „Cyrano oder Die Rückkehr vom Mond“ – auch allein ästhetischen Phänomenen widmen können. Denn ‚Romantik‘ wird über die Ursprungsepoche hinaus als Argumentationsweise, Motivik und Stilistik verstanden. Einen definitorischen Ehrgeiz der näheren Bestimmung weist allerding kaum einer der Beiträge auf.

Der einleitende Essay erklärt die in den letzten dreißig Jahren zu verzeichnende Zunahme romantischen Dichten und Denkens mit der Parallele des Epochenumbruchs (1789 und 1989), der daraus resultierenden Verunsicherung und dem gesteigerten Orientierungsbedarf. Aus der historischen Romantik stamme eine Fracht, die noch in der ‚Neuen Romantik‘ in zweierlei Hinsicht genutzt werde: für eine ästhetisch und politisch kritische Reflexion und eine aggressive, regressive, auf Kollektivismus und Identität zielende Denkweise. Von den Herausgebern wird dies „das romantische Farbproblem“ – zwischen „blau oder braun“ genannt. Der zuspitzende, manchmal metaphorische, argumentativ etwas sprunghafte Charakter der Einleitung lässt diesen Konnex weniger differenziert hervortreten als es nutzbringend gewesen wäre. Denn im abschließenden Beitrag von David Brehm zum „Zauberwort“ zeigt sich, wie produktiv er werden kann: Eichendorff, so der Autor, sei stets verschieden gelesen worden: als Dichter der Identitätsstiftung und ihres fortgesetzten Entzugs.

Sandra Kerschbaumer, 28.10.2019
02.10.2019
Michael Schwingenschlögl
Subjektivität zwischen Zerfall, Willensfreiheit und Religion
Untersuchungen zur Verhältnisbestimmung von Einheit und Mannigfaltigkeit in der literarischen Romantik
Paderborn (Ferdinand Schöningh) 2019

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14.04.2019
Christian Quintes
Traumtheorien und Traumpoetiken der deutschen Romantik.
Cultural Dream Studies / Kulturwissenschaftliche Traumstudien, Bd. 6.
Würzburg (Königshausen & Neumann) 2019

Christian Quintes unternimmt mit seiner Dissertation den Versuch, die in der Forschung noch ausstehende Monographie zum Traum in der Literatur der Romantik zu liefern. Dafür bringt er Traumtheorien und literarische Traumdarstellungen in einen Sinnzusammenhang und geht der Frage nach, in welchem Verhältnis die auffallend oft genannten Negativ-Aspekte des Traumes und die intensive Auseinandersetzung mit dem Traum in der Romantik stehen.

Quintes wählt dafür eine auf dem Konzept der Wissenspoetik beruhende Vorgehensweise und unterscheidet zwischen dem Wissen des Autors über Träume, literarischen Traumdarstellungen und wissenschaftlichen Traumtheorien. In Bezug auf die literarische Traumdarstellungen strebt er „eine Rekonstruktion des prototypisch romantischen Traumes“ an, um als Ergebnis der Arbeit „eine romantische Poetik des Traumes“ (S. 20) definieren zu können. Das Textkorpus beschränkt sich notwendigerweise auf repräsentative Autoren romantischer Erzählliteratur, ergänzt um Werke von Vertretern romantischer Anthropologie. Als Autor des Heinrich von Ofterdingen, Schlüsselwerk romantischer Traumliteratur, fungiert Novalis als Ausgangs- und Kristallisationspunkt der Arbeit, außerdem untersucht Quintes Träume im Werk von E.T.A. Hoffmann, Clemens Brentano und Joseph von Eichendorff.

Quintes analysiert ausführlich die drei zentralen Träume des Ofterdingen-Romans, da er in ihrer Kombination den Prototyp eines triadischen Traumes erkennt. Dieser bilde im Gesamtkontext des Romans das Modell der Drei-Zeitalter-Lehre ab: vergangenes goldenes Zeitalter, Gegenwart und zukünftiges goldenes Zeitalter. Quintes räumt dem Prinzip des triadischen Traumes einen zentralen Stellenwert in seinen Ausführungen ein und veranschaulicht im Verlauf der Arbeit überaus versiert, wie facettenreich dieses Konstruktionsprinzip adaptiert wurde.

Ein weiteres Augenmerk legt Quintes auf die Verwendung von Symbolen: Er analysiert das werkübergreifende Symbolgeflecht in Novalis’ Roman, gruppiert Symbole und verdeutlicht den Bezug zur idealistischen Naturphilosophie. Auch in allen weiteren Traumanalysen beleuchtet Quintes Einzelsymbole und Symbolgruppierungen kenntnisreich und mit Freude am Detail. Auf diese Weise kann Quintes kapitelweise herausarbeiten, wie die alte Idee einer Symbolik des Traumes in der Romantik aufgegriffen und in einer epochenspezifischen und stark von Novalis geprägten Form weiterentwickelt worden ist.

Um die Wechselwirkung von Literatur und Wissenschaft zu analysieren, folgt ein Großkapitel zu Traumtheorien der romantischen Anthropologie. Quintes stellt überzeugend dar, wie Novalis als Vorbild für Gotthilf Heinrich Schubert gewirkt und wie dieser wiederum mit der Symbolik des Traumes einen gesamttheoretischen, christlich gefärbten Rahmen für den Traum entwickelt habe. Die daran anschließenden Abschnitte zu den Traumtheorien Ignaz Paul Vitalis Troxlers und Carl Gustav Carus’ können jedoch nachfolgend nicht resonieren, da bei keinem der romantischen Autoren ein Einfluss nachgewiesen werden kann. Trotz unterschiedlicher Denkansätze der Anthropologen stellt Quintes eine verbindende Gemeinsamkeit der Konzepte fest: die Idee der 3-stufigen Entwicklung der Seele, die sich in einen älteren, ursprünglichen und einen neueren Teil spalte, welche wiederum in einem Polaritätsverhältnis zueinander stehen. Der unbewusste Teil, mithin Zugang zum Urbewusstsein, sei nur im Traum erfahrbar – in diesem Aspekt liege die Aufwertung des Traumes bei den Anthropologen begründet, ansonsten wirke die in der Aufklärung kultiviere Defizittheorie auch in der Romantik fort.

Die übergeordnete wissenspoetische Fragestellung liefert in der Quintessenz keine bahnbrechend neuen Erkenntnisse: So seien Bezugspunkte zwischen den Werken der Anthropologen, Novalis’ Roman und den Werken weiterer romantischer Autoren darauf zurückzuführen, dass sie mit der idealistischen Naturphilosophie auf eine ähnliche Theoriegrundlage zurückgriffen und damit das gleiche Weltbild teilten. E.T.A. Hoffmann habe zwar verschiedenste gängige Traumdiskurse eklektizistisch verarbeitet, insgesamt sei aber bei keinem der romantischen Autoren eine zusammenhängende traumtheoretische Grundlage, geschweige denn eine ausformulierte Traumtheorie auszumachen. Durchgängig zeige sich ein ambivalentes Verhältnis zum Traum.

In E.T.A. Hoffmanns Erzählungen betont Quintes das Phänomen einer Infiltration der Wach- durch die Traumwelt als charakteristisches Merkmal. Sobald sich eine Figur zu sehr der Innenwelt zuwendet, das Gleichgewicht der Duplizität des Seins also aufgelöst wird, laufe sie wie in Ritter Gluck Gefahr, in den Wahnsinn abzudriften. Zwar ist dieses charakteristische Motiv in der Forschung bereits umfassend beschrieben worden, die Stärke von Quintes Untersuchung liegt jedoch darin, dass dieser Motivkomplex schlüssig auf der Grundlage des vorherigen Anthropologie-Kapitels unterfüttert und kontextualisiert ist: Er zeigt, wie der Traum bei Hoffmann als Bindeglied zwischen den beiden Polen des Ichs angesiedelt ist und einen Zugang zur geistigen Seite und damit zur Natur verschafft.

Die Auseinandersetzung mit Brentanos Werk ist ausgehend von der These strukturiert, die Änderung der Weltanschauung des Autors von einem naturphilosophischen zu einem christlich dualistischen resultiere auch in einer veränderten Darstellungsweise der Träume. Wie anknüpfend an ausführliche inhaltliche Schilderungen der Traumhandlungen darlegt wird, griffen die eingesetzten Symbole ab der zweiten Werkphase in Gockel, Hinkel, Gackeleia auf eine religiöse Ikonografie zurück und verwiesen, eingebettet in eine komplexe Traumpoetik, auf die christliche Heilsgeschichte.

Auch bei Eichendorff hebt Quintes ausgeprägte christliche Vorstellungen hervor, bei der nach der Stufe des verlorenen Paradieses eine dunkle Gegenwart mit der Hoffnung auf zukünftige Erlösung folge, wodurch sich wiederum die triadische Struktur vieler Traumdarstellungen ergebe. Quintes greift an dieser Stelle einen weiteren Seitenstrang in seiner Argumentation auf – das Verhältnis von Traum und Fantastik: Eichendorff markiere den Endpunkt einer bereits von Novalis begonnenen Entwicklung, bei der der Traum zur Integration fantastischer Elemente im Text nicht mehr benötigt werde, wie anhand der Novelle Das Marmorbild deutlich werde. So arbeitet Quintes resümierend eine Entwicklungstendenz heraus, bei der nach Novalis eine strikte Trennung zwischen Wach- und Traumwelt nach und nach aufgegeben worden sei zugunsten einer zunehmenden Infiltration fantastischer Elemente, sodass schließlich genuin fantastische Texte entstanden seien.

In der Gesamtschau auf die Arbeit wird deutlich, wie fruchtbar Quintes die maßgeblichen Vorarbeiten seines Doktorvaters Manfred Engel machen konnte, dessen Aufsätze als Schlüsseltexte der literaturwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Traum gelten dürfen. Als überaus ergiebig erweist sich die Ausarbeitung der Kategorie des triadischen Traumes, der Quintes viele Traumdarstellungen seiner Untersuchung zuordnen kann: Bei dieser traumpoetischen Kategorie erkennt er ein gemeinsames Konstruktionsprinzip und benennt diverse weitere Schnittmengen, was besonders überzeugend hinsichtlich der Merkmale Symbolik und Raumgestaltung gelingt. Dass die beiden weiteren von Quintes definierten traumpoetischen Kategorien „satirische Träume“ und „individuelle Traumgestaltungen – Kunst und Religion“ dagegen weniger scharf konturiert bleiben, tut dem Gesamtergebnis keinen Abbruch: Christian Quintes ist es mit seiner Dissertation gelungen, das zu Beginn konstatierte Forschungsdesiderat einer systematischen Untersuchung des Traums in der Romantik vor der Folie zeitgenössischer Diskurse zu erfüllen.

Laura Bergander, 28.04.2020
09.04.2019
Bruno Chenique
Girodet face à Géricault
ou la bataille romantique du Salon de 1819
Paris (Lienart) 2019

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24.02.2019
Hendrick Heimböckel
Epiphanien
Religiöse Erfahrungen in deutschsprachiger Prosa der ästhetischen Moderne
Paderborn (Fink Verlag) 2019

Zur Rezension vergeben am 11.05.2020.
24.02.2019
Annika Bartsch
Romantik um 2000
Zur Reaktualisierung eines Modells in deutschsprachigen Romanen der Gegenwart
Heidelberg (Universitätsverlag Winter) 2019

Inwieweit die Romantik in der Literatur der Gegenwart eine Rolle spielt – das ist, stark vereinfacht gesagt, das Anliegen der Dissertation von Annika Bartsch. Die Arbeit ist am Graduiertenkolleg ‚Modell Romantik‘ der Universität Jena entstanden und bietet eine kompakte theoretische Einführung sowie Analysen ausgewählter Werke von insgesamt fünf deutschsprachigen Schriftsteller*innen der Gegenwart. In einer feuilletonistisch inspirierten Einleitung wird die Forschungsfrage zunächst aus aktuellen Beiträgen zu einer ‚heutigen Romantik‘ motiviert, Definitionsprobleme und methodische Schwierigkeiten werden angesprochen, bevor es in den drei folgenden Teilen philologisch fundiert zur Sache geht.

Der erste Teil der Dissertationsschrift befasst sich mit Theorie und Methode: Zunächst wird beschrieben, in welcher Weise literarische Tradition als Reaktualisierung verstanden werden kann. Dabei zeigen sich die für einen diachronen Vergleich typischen Probleme: Welche Texte referenzieren in welcher Form auf die Romantik und was ist dabei das Tertium Comparationis? Mit Verweis auf die Forschungsliteratur wird die Schwierigkeit einer Definition von ‚Romantik‘ vorgestellt. Dann wird in Abgrenzung von intertextuellen und diskursanalytischen Ansätzen ein modelltheoretischer Ansatz nach Kerschbaumer und Matuschek für die Beschreibung und Reaktualisierung von Romantik vorgestellt. Der diskursgeschichtliche Ansatz wird hier allerdings nur stark verkürzt wiedergegeben. Hier hätte bspw. auf die diskurssemantischen und begriffsgeschichtlichen Arbeiten zur Romantik von Jochen A. Bär zurückgegriffen werden können, die einen praktikablen Ansatz bieten, um sowohl mit romantischer Ambivalenz als auch mit der Spannung zwischen historischer Bedeutung und heutiger Verwendung umzugehen.

In Grafiken und Erläuterungen werden Geschichte und Nutzung des Modellansatzes für die Literaturwissenschaft erklärt, dann wird das „Modell ‚Romantik‘ als Referenzobjekt der Reaktualisierung“ (S. 45) vorgestellt. Dabei werden die „zentralen Basisannahmen“ der „Konstituierungsphase des Modells ‚Romantik‘“ um 1800 beschrieben und es wird vorausgesetzt, dass diese über das Modell transportiert werden (S. 47). Die ‚Ladung‘, in der Sprache des Modells als „Cargo“ bezeichnet, ist das, was in der Gegenwartsliteratur übernommen wird. Diese „Essenz der Basisannahmen“ (ebd.) der Romantik ist damit das Tertium Comparationis, das im Folgenden genauer definiert wird.

Der zweite Teil enthält dann die eigentliche inhaltliche Beschreibung des Modells ‚Romantik‘, zugeschnitten auf die Fragestellung der Arbeit. Dabei wird der Cargo des Modells als abstrahierte und reduzierte „Essenz“ aus romantischen poetologischen und philosophischen Texten sowie aus der Forschungsliteratur gewonnen. Angelegt ist diese Reduzierung des Gegenstands elegant unter Zuhilfenahme eines problemgeschichtlichen Ansatzes nach Werle (2006), der es erlaubt, Romantik als „Reaktion auf eine vorgefundene Problemkonstellation“ aufzufassen (S. 55). In einem zweiten Schritt wird die romantische Antwort auf diese Problemkonstellation beschrieben. Die Autorin kondensiert dabei unterschiedliche romantische Positionen zu einer Struktur, die als Pyramide vorgestellt wird. Diese verbildlicht die für das Modell ‚Romantik‘ konstitutive Grundannahme: An der Spitze steht ein diskursiv nicht erfassbares höchstes Prinzip. Darunter folgen Denkfiguren der ästhetischen Darstellung und die Überführung der Philosophie in die Kunst, während die Grundfläche die konkreten Textphänomene bilden (S. 78). Die Pyramide soll dabei die quantitative Verteilung und den Abstraktionsgrad anzeigen. Dieser kondensierte Romantikbegriff dient dann als Ausgangspunkt für die Analyse der Werke aus der Gegenwartsliteratur.

Der dritte Teil umfasst schließlich die besagten Analysen deutschsprachiger Gegenwartsliteratur in Hinblick auf ihren Romantikbezug, die eindeutig am spannendsten und lesenswertesten sind. Hier wird die Produktivität des Ansatzes für eine kritische und innovative Sicht auf Gegenwartsliteratur deutlich: Gut eingebettet in die aktuelle Forschung analysiert die Autorin, ob „sich für die Autor*innen ein je spezifisches Modell ‚Romantik‘ bestimmen lässt“ und ob diese dann Modellobjekte, also strukturgebend für das Modell ‚Romantik‘ sind (S. 117). Im Zentrum der Analysen stehen Texte der Gegenwartsliteratur, die sich auf die historische Romantik beziehen und die gleichzeitig diese Bezüge produktiv für Problemstellungen der Gegenwart nutzen. Die Analysen beginnen mit dem Roman Paradiese, Übersee (2003) der Autorin Felicitas Hoppe, dann folgen Analysen zu Wolfgang Herrndorfs Erzählband Diesseits des Van-Allen-Gürtels (2007) und Tschick (2012). Über Themen wie Reisen und Identität, durch eine Analyse der Erzählsituation, der raumzeitlichen Ordnung und der narrativen Struktur der erzählten Welt und der Weltwahrnehmung durch Sprache werden die Modelle ‚Romantik’ Hoppe und ‚Romantik‘ Herrndorf konstruiert und mit dem vorher entwickelten Romantikmodell abgeglichen. Danach wird das explizit auf die Romantik bezogene Werk von Helmut Krausser unter die Lupe genommen, besonders die Romane Thanatos. Das schwarze Buch (1996) und UC (2003). Neben den Werken wird in der Analyse die Selbstinszenierung des Autors im Geiste des romantischen Geniekults betrachtet. Anhand zahlreicher intertextueller Beziehungen zu romantischen Texten, die auch in der Forschungsliteratur gut beleuchtet sind, erläutert die Verfasserin die Romantikbezüge im Werk und kommt zu dem Schluss, dass im Werk romantische Denkfiguren produktiv rezipiert und an die moderne Problemkonstellation angepasst werden, in der das Subjekt absolut steht.

Zwei Einzelfälle der Gegenwartsliteratur mit Romantikload beschließen den Analyseteil: In Hans-Ulrich Treichels Tristanakkord (2000) wird die Rezeption romantischer Musikästhetik untersucht, die die Autorin mit umfangreichem Detailwissen vorstellt. Der Roman Die Unglückseligen (2016) von Thea Dorn, eine selbstbekennende Eichendorff-Rezipientin, wird in Hinblick auf die Hauptfiguren untersucht, die selbst den Sprung zwischen historischer Romantik und Gegenwart verkörpern. Beide Beispiele sind für die Verfasserin nicht modellhaft und strukturgebend, sondern beziehen sich nur auf einzelne Textphänomene der Romantik. In der Auswahl und Ordnung der Analyse spiegelt sich das vorher gestellte Analysemodell der Pyramide.

Abschließend sieht die Verfasserin in Bezug auf die Problemgeschichte der Romantik im Vergleich zur Gegenwart eine kontinuierliche Entwicklung von 1800 bis heute. Unterschiede beträfen dabei vor allem die transzendentale Überschreitung und das religiöse Streben nach einem Absoluten, das in der Gegenwart relativiert oder subjektiviert wird. Das Modell ‚Romantik‘ ist für sie ein „zentrale[r] Bezugspunkt“ der Gegenwartsliteratur in unterschiedlicher Ausprägung (S. 265). Kritisch betrachtet geht dieses Urteil etwas zu weit, die Untersuchung von fünf Beispielen lässt keine generalisierten Aussagen zur Gegenwartsliteratur zu. Um diese Frage angemessen zu beantworten, bräuchte es einen quantitativen Ansatz, der diese an sich spannende Fragestellung weiterführen könnte.

Zusammenfassend zeigt die Arbeit, dass das Modell ‚Romantik‘ aus Jena auch für Analysen der Gegenwartsliteratur gebraucht werden kann. Die Stärke liegt in der Anwendbarkeit und in den Analysenergebnisse. Ein vorsichtigerer Abgleich mit etablierten Ansätzen der Diskurs- und Begriffsgeschichte wäre wünschenswert. Ein besseres Lektorat, das etwa aus Trakel einen Trakl macht (S. 42), hätte man der Verfasserin gewünscht. Insgesamt konnten nicht alle Ziele der Arbeit in Bezug auf ein heute gültiges Romantikmodell erreicht werden, allerdings ist der große Schritt von 1800 bis 2000 durchaus gelungen.

Jana-Katharina Mende, 14.07.2020
09.12.2018
Sebastian Lübcke, Johann Thun (Hgg.)
Romantik und Surrealismus
Eine Wahlverwandtschaft?
Bern (Peter Lang) 2018

Zur Rezension vergeben am 05.03.2020.
14.11.2018
Martin Reulecke
Caroline Schlegel-Schelling
Rezeptionsgeschichte und Bibliographie
Würzburg (Königshausen & Neumann) 2018

Der in der 2. Auflage überarbeitete und aktualisierte Band Caroline Schlegel-Schelling. Rezeptionsgeschichte und Bibliographie schildert, wie Zeitgenossen und spätere Leserinnen und Leser nicht nur das umfangreiche Briefwerk der Frühromantikerin, sondern eng damit verknüpft auch die Persönlichkeit und das Leben der Autorin analysieren und bewerten. Das vorliegende Buch verdeutlicht dem Leser eindringlich, wie sehr Caroline Schlegel-Schelling bereits zu Lebzeiten, aber auch weit darüber hinaus, polarisierte.

Zunächst geht der Band auf Caroline Schlegel-Schellings Mainzer Zeit ein und begründet, warum sie bereits zu Lebzeiten eine vieldiskutierte Persönlichkeit war. Denn neben einer unehelichen Schwangerschaft fiel Caroline Schlegel-Schellings Zeit in Mainz mit der Besetzung der Stadt durch französisch-revolutionäre Truppen zusammen. Aufgrund ihrer Bekanntschaft mit Mainzer Revolutionären wurde sie Ende April 1793 von preußischen Truppen verhaftet. Martin Reulecke verdeutlicht, „dass Carolines Ruf durch ihre Mainzer Zeit, die sie hauptsächlich im Kreise des Weltumseglers und Jakobiners Georg Forster verbrachte und mit ihrer fast zum Spektakel ausartenden Festnahme endete, nach den damaligen Maßstäben so gut wie ruiniert war.“ (S. 14) Auch als verheiratete Caroline Schlegel konnte sie diesen in der damaligen Gesellschaft als Makel geltenden Teil ihres Lebens nicht aus dem Gedächtnis der Öffentlichkeit löschen. Zehn Jahre später, nach der Scheidung von August Wilhelm Schlegel und der Heirat mit Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, konnte man ihren Lebenswandel erneut als skandalös ansehen.

Die Darstellung der Rezeptionsgeschichte beginnt mit der Erstveröffentlichung der Briefsammlung im Jahr 1871. Der Historiker und Schwiegersohn Schellings, Georg Waitz, hatte die Briefsammlung nach eignen Angaben innerhalb von 20 Jahren zusammengestellt und veröffentlichte seine zweibändige Edition unter dem Titel Caroline. Martin Reulecke zeigt anhand einiger Beispiele, wie differenziert die mit der Veröffentlichung der Briefe beginnende frühe Caroline-Rezeption war. Deutlich wird, dass es Caroline-Verehrer gab, viele Leser Caroline als Person aber auch ablehnten. Der Philologe Wilhelm Scherer ließ sich zu regelrechten Huldigungen der Romantikerin hinreißen. Jedoch wird auch von den Verehrern, zu denen auch Rudolf Haym und Michael Bernays zählten, Carolines Mainzer Zeit als problematisch angesehen. Sehr deutlich wird, dass die literarische Qualität der Briefe als hoch eingeschätzt wurde, die Urteile über Carolines Persönlichkeit jedoch ambivalent ausfallen. Reulecke dokumentiert, wie stark sich die Ambivalenz und Verflechtung von Hochschätzung der Briefe und Skepsis gegenüber der in diesen zum Ausdruck kommenden Lebensführung und Persönlichkeit bis heute durch die Rezeptionsgeschichte der Romantikerin ziehen.

Beim Lesen des Bandes zeigt sich, dass zu Beginn der Rezeptionsgeschichte die Briefe Carolines von männlichen Rezipienten gelesen und beurteilt werden. Als eine der ersten weiblichen Rezeptionen verweist Martin Reulecke auf Ricarda Huchs 1899 veröffentlichten Titel Blütezeit der Romantik. Martin Reuleckes Buch vermittelt dem Leser die Begeisterung des männlichen Publikums gegenüber Caroline Schlegel-Schelling, betont aber auch die Ablehnung des weiblichen. Reulecke führt hierzu ein eingängiges Zitat Wilhelm Scheres über Caroline Schlegel-Schelling an: „die ‚Sympathien der Damen‘ habe sich Caroline ‚nach ihrem Tode so wenig wie im Leben zu erwerben gewußt‘“. (S. 34) Trotzdem trug Ricarda Huch, so der Autor, durch ihre Rezeption zu einer Popularisierung der Romantikerin bei.

Neben den ersten beiden Rezeptionshöhepunkten der Caroline-Rezeption, die Reulecke in den 1870er Jahren sowie in den Jahren vor und nach dem Ersten Weltkrieg einordnet, kommt eine dritte Hochphase in den 1970er Jahren hinzu. Neben einer Briefsammlung werden in diesen Jahren Biografien, Romane und Erzählungen sowie eine Dissertation veröffentlicht. Ab 1979 wird in der Caroline-Rezeption zudem die Frage nach Caroline Schlegel-Schellings Bedeutung für die Frauengeschichte gestellt. Bemerkenswert ist, dass auch aus einer weiblich-emanzipatorischen Sichtweise nicht nur Bewunderung, sondern auch Kritik erwächst. Reulecke sieht die „Kehrseite dieser zwischen programmatischer und persönlicher Identifikation changierenden Haltung“ darin, „dass jeder Aspekt, bei dem sich partout keine ‚Nähe‘ zwischen der jeweiligen Rezipientin und Caroline einstellen will, mehr oder weniger enttäuschte Kritik nach sich zieht.“ (S. 48) Weiter verweist das Buch auf die Jahre 2009 und 2013, in denen einige Biografien zu Caroline Schlegel-Schelling erschienen, deren Vor- und Nachteile von Martin Reulecke dargelegt werden. An den Arbeiten von Brigitte Roßbeck, Babara Sichtermann und Sabine Appel hebt der Autor die Darstellung Carolines als aktiv gestaltendes Mitglied der Jenaer Frühromantik und ihre Bedeutung für den Kreis positiv hervor, kritisiert jedoch das Fehlen einer gewissen Detailtiefe.

Deutlich zeigt der Band, dass es vielen Rezipientinnen und Rezipienten im 20. Jahrhundert weniger um die literarische Qualität der Briefe ging, sondern Caroline Schlegel-Schelling als Persönlichkeit im Zentrum des Interesses stand. Letztlich geht Martin Reulecke in seiner Monografie der Frage nach der Werkhaftigkeit der Briefe nach. In einem Ausblick schätzt der Autor den momentanen Stand der Caroline-Rezeption ein und fordert eine den gegenwärtigen methodischen Anforderungen entsprechende Erstellung einer kritischen Gesamtausgabe. Zudem weist er darauf hin, dass bis heute keine Biografie von Caroline Schlegel-Schelling publiziert wurde, die wissenschaftlichen Ansprüchen genüge. Außerdem sei „Carolines Rolle im Rahmen des frühromantischen Diskurses bisher nur oberflächlich bestimmt worden, und eine gründliche Auswertung ihrer Positionierung in entsprechenden Detailfragen fehl[e] noch vollständig.“ (S. 70)

An die Darlegung der Rezeptionsgeschichte schließt sich eine umfangreiche Bibliografie zu Caroline Schlegel-Schelling an. Die Bibliografie gliedert sich in die Abschnitte Briefeditionen, Werke und Schriften, Biographische Texte, Literarische Lebensbeschreibungen, Texte zu Werk und Wirkung, eine Auswahl von Lexikonartikeln sowie Nachträge zur ersten Auflage. Letztlich schließt die Bibliografie der zweiten, überarbeiteten und aktualisierten Auflage des Bandes mit einer Übersicht neuer Veröffentlichungen zu Caroline Schlegel-Schelling nach 2010. Gelungen ist Martin Reulecke die Verbindung von Rezeptionsgeschichte und biografischen Erklärungen. Vermissen lässt der Band allerdings den Abdruck einiger exemplarischer Briefe der Autorin, die das Gesamtbild des Bandes abgerundet hätten. Bezüglich der Zielsetzung hält der Band, was er verspricht: Er liefert dem Leser „einen Überblick über die seit der ‚Entdeckung‘ Carolines veröffentlichte einschlägige Literatur“ (S. 10).

Theresa Brehm, 12.11.2019
07.11.2018
Philip Dickinson
Romanticism and Aesthetic Life in Postcolonial Writing
Cham (Springer International Publishing) 2018

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31.10.2018
Peter Neumann
Jena 1800
Die Republik der freien Geister
München (Siedler) 2018

Das Buch von Peter Neumann möchte das in Jena verortete Denken um 1800 auf ebenso unterhaltsame wie sachlich fundierte Weise erzählen. Es wird ein Prosa-Panorama aufgespannt, das unter dem Zeichen der Freiheit, wie es im Untertitel heißt, verschiedenste Protagonisten aus Philosophie, Kunst und Literatur in Jena miteinander verknüpft. Anders als andere Bücher über die Geschichte der Romantik oder Jenas, verbindet es die Diskurse Idealismus, Romantik, Klassik und politische Geschichte in einem ganz eigenen Ton. Mit seinem Versuch, die Romantik und Philosophiegeschichte publikumswirksam und zusammenhängend zu erzählen, reiht sich Neumann in eine Tradition von Romantik-Monographien ein. Genannt seien Ricarda Huchs Blütezeit der Romantik (1899) und Ausbreitung und Verfall der Romantik (1902), die Bücher von Theodore Ziolkowski (z. B. Das Wunderjahr in Jena: Geist und Gesellschaft 1794/95, 1998) und Rüdiger Safranskis Romantik. Eine deutsche Affäre (2007).
Der Aufbau des Buches unterstützt sein Anliegen. Zwei besonders eindrückliche Beschreibungen des Straßenbildes eines kriegsgebeutelten Jenas rahmen die übrigen Kapitel. Letztere zeichnen sich durch ihre philosophischen Einschübe und Schilderung übergeordneter Zusammenhänge aus. Die 19 Abbildungen passen mal mehr, mal weniger zum Text. Die neben „Pro-“ und „Epilog“ 19 Kapitel stellen je eine Person in den Mittelpunkt und erzählen ihren Anteil am philosophisch-wissenschaftlichen Stadtgeschehen. Überblicksartig kartiert das erste Kapitel „Im Auge des Sturms: Eine Philosophie erfasst den Kontinent“ (13-23) die Denklandschaft Jenas. Am Ende finden sich kurze biographische Notizen (Lebenswege: Was aus ihnen wurde, 221), eine Zeittafel, Anmerkungen, weiterführende Literaturhinweise und ein Register.
Von der Gefangennahme der Caroline Böhmer, spätere Schlegel-Schelling, über das Eintreffen der Romantiker und Idealisten in Jena bis zu ihrem Verlassen der Stadt und dem Einmarsch der napoleonischen Truppen berichtet Neumann. Er verquickt archivalisches Material und Anekdoten aus dem Alltagsleben mit der Wiedergabe philosophischer Ideen. Literarische Texte werden mit Biographien und Erzählungen über gesellige Treffen verbunden und das nicht zu Trennende des Jenaer Geisteslebens so verwoben. Neumann erzählt bilderreich, mit vielen Vor- und Rückgriffen, also nicht chronologisch, sondern in der Eigenlogik der Ereignisse und der menschlichen Beziehungen. Dabei kommen alle einflussreichen Zeitgenossen ins Spiel: Romantiker wie die Brüder Schlegel, Tieck, Novalis, Dorothea Schlegel, Caroline Schelling. Sie begegnen Schelling, Fichte und Hegel, Goethe und Schiller. Der Fluss der Ideen bildet sich im Erzählfluss Neumanns ab. Die Stärken von Jena 1800 liegen im originellen, eigensinnigen, halb narrativem, halb sachlichem Stil. Die philosophischen Zusammenhänge und historischen Begebenheiten sind abwechslungsreich dargestellt. Der leichte Ton lockert den Stoff. Die Sätze sind kurz, bisweilen geraten sie feuilletonistisch: „Platons Akademie, sie steht jetzt an der Saale.“ (18) Die Erzählweise ist lebendig („Schelling greift immer wieder in den Topf mit sauren Gurken.“, 13) und kippt immer wieder in die erlebte Rede („Ein Affentheater, findet zumindest Tieck.“, 15). Der Ton kann pathetisch („Die Dresdener Kunstschätze kommen da wie gerufen: eine Extraration für die Sinne, Marschverpflegung für den Geist.“, 58) und burschikos („Fichte hatte sich verzockt.“, 79) werden. Die stilistischen Brüche und Kluften überraschen den Leser: Personifikationen („Genau das tun Weltseelen nämlich“, 215) wechseln sich mit Apostrophen ab („[P]fff, sollen sie doch sehen, wo sie bleiben!“, 89; „Fenster auf! Als die Rede vorbei ist, geht ein angestrengtes Raunen durch den Raum.“, 134; „[…] Keplers Weltgesetz a priori zu entwickeln, wie er es in seiner Habilitation versucht hat – alle Achtung!“, 197). Die Wortwahl ist gelegentlich leger, ohne es mit der Lässigkeit zu übertreiben („Jung ist er, gerade mal dreiundzwanzig Jahre, und schon ein Shootingstar der philosophischen Szene Deutschlands.“, 57). Wortgetreu zitiert werden nur literarische Sätze. Wörtliche Äußerungen der Personen finden sich nicht. Das ist nicht nur angenehm für den Lesefluss, sondern auch ein kluger Schachzug, denn so wahrt Neumann bei aller Fabulierlust eine notwendige Distanz. Sein Ziel, Ideengeschichte illustrativ zu erzählen, verfolgt Neumann mit einem Wechsel von Überblick und Detail. Die Handlungsstränge verlaufen in kapitelweise konzentrischen Kreisen. Und doch wirkt der Figurenreigen organisch zusammengewachsen, als sei sein Erzählprinzip die romantische Arabeske. Ebenso scheinen Bilder und Anmerkungen im Anhang eher lose mit dem Fließtext verbunden, aber dies untermauert den mäandernden Charakter des Buches noch. In der Philosophie des Idealismus vermag Neumann seinen Leser kleinschrittig zu orientieren. Die philosophischen Aspekte, oft in erlebter Rede verfasst, sind zwar nicht ohne Voraussetzungen zu lesen, aber anschaulich erläutert (177). Sie verbinden sich zu einer gelehrten und ausgreifend Zusammenhänge stiftenden Philosophiegeschichte.
Erwähnt sei noch, dass die Romantikerinnen als ebenbürtige und eigenständige Akteurinnen Raum finden. Eines der ersten Kapitel erzählt die Geschichte der „Madame Böhmer“ (24ff). Eine Anekdote befasst sich mit einer historisch verbürgten Botenfrau, der Jungfer Wenzel (96-98). Schließlich nehmen auch Weimarer wie Herzog Carl August, Schiller und Goethe ihren Platz im Zusammenhang der Jenaer Ereignisse ein. Goethe trinkt mit Tieck heiße Schokolade und lässt sich von ihm Ben Jonson nahebringen – eine der gelungensten und mitreißendsten Episoden des Buches: „Jonson: neben Shakespeare der vielleicht wichtigste Dramatiker seiner Zeit, dieses großen Jahrhunderts der Renaissance. Ein verfluchter Kerl, ein wahrer Teufelskerl, was der nicht alles für Kniffe im Kopf habe, ja, ein Schwerenotskerl.“ (114).
Der kritische Leser oder die kritische Leserin könnte Neumann vorwerfen, er habe überschüssiges Archivmaterial seiner Dissertation literarisch weiterverwenden wollen. Man könnte einwenden, dass man nicht wisse, ob und inwiefern das Buch wissenschaftlich untermauert sei. Denn die Gattungsmischung lässt keine eindeutige Markierung von Faktizität zu. Man könnte kritisieren, der Ton sei zu gewollt und flapsig geraten. Gelegentlich unterlaufen Neumann tatsächlich Allgemeinplätze und Kitsch: „Es gibt Risse, die keine Zeit heilt.“ (223) Dennoch: Die Gattungsmischung und der ironische Ton zollen dem Gegenstand Romantik um 1800 gelungen Tribut.

Caroline Desirée Will, 31.10.2019
16.08.2018
Theodore Ziolkowski
Stages of European Romanticism
Cultural Synchronicity across the Arts, 1798-1848
Martlesham (Camden House) 2018

Mit Stages of European Romanticism: Cultural Synchronicity across the Arts, 1798-1848 hat der renommierte amerikanische Romantikforscher Theodore Ziolkowski ein ärgerlich innovatives Buch vorgelegt. Das Ärgerliche zuerst: Die dreiunddreißig Einzelanalysen, in denen Ziolkowski auf knappem Raum romantische Literatur, Malerei und Musik aus fünf ausgewählten Jahren beleuchtet, gelangen über eine historische Einordnung, manchmal nur über eine Nacherzählung kaum hinaus. Das enorme Innovationspotenzial dieses Buchs aber liegt in seiner Konzeption: Die international und transmedial angelegte Gegenüberstellung exemplarischer Romantik-Werke liest sich so anregend und erfrischend, dass man sich gelegentlich dabei ertappt, fest etablierte Vorannahmen der eigenen Disziplin über Bord zu werfen. Ziolkowskis Stages of European Romanticism liefert damit die längst überfällige Monographie zur Romantik aus europäischer Perspektive und stellt die Tauglichkeit eines synchronistischen, interkulturellen Ansatzes lesenswert unter Beweis. In seinen Ergebnissen aber scheut Ziolkowski schlussendlich den systematisierenden Blick und bleibt damit hinter den eigens geschürten Erwartungen zurück.

An einer Literaturgeschichte der europäischen Romantik denken sich zurzeit die wohl führenden Köpfe der internationalen Romantikforschung die Köpfe heiß. Erste Publikationen wie das Oxford Handbook of European Romanticism (2016, hg, v. Paul Hamilton) oder, im deutschsprachigen Raum, der Band Europäische Romantik (2015, hg. v. Helmut Hühn) haben vor allem die überbordende Komplexität aufgezeigt, mit der eine Darstellung europäischer Romantik zu kämpfen hat. Dass es sich dabei nicht um eine konsistent erzählte Literaturgeschichte nach bewährtem Muster handeln kann, führt Ziolkowski zu seinem konzeptionellen Entschluss, jeweils ein Jahr aus fünf Dekaden auszuwählen, um sie auf dessen internationale Beiträge zur Romantik abzuklopfen: 1798, 1808, 1818, 1828, 1838 und schließlich 1848. Obwohl Ziolkowski die Austauschbarkeit dieser Daten anführt, erscheinen sie so beliebig nicht: Das Jahr 1798 eignet sich als Ausgangspunkt der internationalen Romantik mit der Erstausgabe des Athenäums,mit den Lyrical Balladsvon Wordsworth und Coleridge und Goyas El sueño de la razón produce monstruos hervorragend; und ebenso leuchtet ihr Enddatum im internationalen Revolutionsjahr 1848 ein. Obwohl diese Periodisierung aus der Sicht mancher Einzeldisziplinen einige Jahre zu weit (Germanistik) oder aber zu kurz (Musikwissenschaft) greifen dürfte, erscheint sie aus internationaler Perspektive als ein valider und ernstzunehmender Vorschlag, da auch die vergleichsweise späten Romantiken z.B. aus Italien und Frankreich in großen Teilen umfasst werden.

Dabei ist es tatsächlich erstaunlich, wie Ziolkowski allein durch seine gelungene Auswahl charakteristische Analogien zwischen Werken aufdeckt, die – so sein Ansatz der kulturellen Synchronizität – möglichst wenig direkte Rezeptionslinien aufweisen. Mary Shelley und E.T.A. Hoffmann standen keineswegs im Austausch miteinander; und dennoch entwerfen beide im selben Jahr eine Poetik der unmittelbaren Vision, die bei Hoffmann als serapiontisches Prinzip, bei Shelleys Frankensteinals Auserzählung eines selbst empfundenen Traums in die Literaturgeschichten eingegangen ist. Solche Momente sind besonders erstaunlich und entfalten bei Ziolkowski im internationalen Spagat ihre Wirkung, wenn z.B. Walter Scott und Heinrich von Kleist im Jahr 1808 in signifikanter Ähnlichkeit zueinander ihre historischen Dramen konzipieren. Jede Station eröffnet dabei mit einem musikalischen Werk, allen voran mit Beethovens Pathétique (1798). Ziolkowski weiß, vor welche Herausforderung er damit die musikwissenschaftlichen Periodisierungen stellt. Sein Einspruch bleibt entsprechend milde und freundlich, doch aus interdisziplinärer Sicht erscheinen Ziolkowskis Rekalibrierungen Beethovens vom Proto- hin zum idealtypischen Romantiker so plausibel, dass man sich ergänzende Reaktionen aus den Musikwissenschaften wünscht.

Solche Querverbindungen beweisen eindrücklich, wie ergiebig eine Betrachtung der Romantik über die internationalen und medialen Grenzen hinaus sein kann. Allerdings stellt Ziolkowski seine Methode in eine nicht unproblematische Traditionslinie: Ausgerechnet Hegels Konzept eines weltdurchströmenden ‚Zeitgeists‘ dient ihm als Vorläufer seiner kulturellen Synchronizität, dessen Terminus er von C.G. Jung übernimmt. Übertragen auf kulturelle Phänomene erforscht Ziolkowski entsprechend „meaningful similarities among works created simultaneously in different countries and different genres with no apparent causal connections“ (S. 4), wobei dieses Ungewisse in der Verknüpfung auch in den Analysen ungeklärt bleibt. Glücklicherweise prägt Ziolkowski die esoterische Note von Hegels Zeitgeist nicht weiter aus; auch hilft ihm diese methodische Ausrichtung, um den Blick von den Rezeptionsprozessen auf tiefergreifende, strukturelle Parallelen zu richten. Am Ende aber entwickelt sich hieraus auch das latent unbefriedigende Ergebnis dieser Untersuchung, nämlich: dass manches verbindende Moment dieses Panoramas eben nicht benannt wird, sondern im Unscharfen verbleibt.

Ziolkowski bleibt damit der eingeübten Ansicht nach Lovejoy verhaftet, dass die internationale Romantik derart vielfältig auftritt, dass jede abstrahierende Benennung von Gemeinsamkeiten unterkomplex wäre. Innerhalb seiner Revision dieser so heterogenen Werke aber drängt sich die Frage nach den Ähnlichkeiten unweigerlich auf: Was ist es denn nun, das diese Werke verbindet, sodass man gesichert und getrost von einer europäischen Romantik als Phänomen sprechen kann? Tatsächlich schwächt der synchrone Zugang letztlich die Überzeugungskraft des asynchronen Arguments, demzufolge der Oberbegriff ‚Romantik‘ die verschiedenen Stationen noch zusammenhalten kann. Als romantisch gilt hier nur, was sich im Kanon bereits als romantisch durchgesetzt hat. Die Unterschiede zwischen den Stationen, die Ziolkowski herausarbeitet – ein „gradual fading of the religious sense“, ein „development in the use of framework“ oder „a new appreciation of the local scenes“ in späteren Werken (S. 226f.) – sind ungleich überzeugender als der kurze Absatz, in dem er sich dem verbindenden Moment zuwendet: Eine „veneration of art“ (S. 228) sei der kleinste gemeinsame Nenner europäischer Romantik, was ein vergleichsweise schwaches Bindeglied darstellt.

Das ist umso enttäuschender, als in der Lektüre der Einzelanalysen konkretere Gemeinsamkeiten zum Greifen nahe sind. Interessante Akzente setzen zum Beispiel die historischen Einleitungen, die Ziolkowski jeweils an den Beginn seiner Jahreskapitel stellt. Gerade in aller Kürze gelingt es hier, eine ambivalente Enttäuschung gegenüber den revolutionären Ideen herauszuarbeiten, welche die Romantikerinnen und Romantiker in ganz Europa verbindet. Napoleon ist es, der unterschwellig in allen Stationen Ziolkowskis auftaucht: Einerseits wirkt seine Energie auf viele Romantiker anregend, andererseits desillusioniert sie die schnelle und brutale Umwälzung traditioneller Werte. Dass sich eine ähnliche Konstellation z.B. in der Juli-Revolution von 1830 wiederholt, wie Ziolkowski andeutet, lässt eine verbindende biographische Erfahrung durchscheinen, welche die europäische Romantik allgemein grundiert. Dass solchen asynchronen Verbindungen nicht genauer nachgespürt wird, kann als großes Versäumnis des Buchs gewertet werden. Hoch anzurechnen ist aber, dass Ziolkowski zunächst das vielleicht drängendere Problem angeht, die Grenzen der Nationalliteraturen und Einzelkünste durch mutige Kontrastierungen aufzuweichen.

Ein grundlegendes Problem betrifft schließlich die Analysen selbst: Innerhalb der einzelnen Werkbetrachtungen kratzt die Argumentation häufig leider nur an der Oberfläche. Als Kontextualisierungen lesen sie sich zwar vergnüglich und können im Lektüreprozess zu weiteren Gedanken anregen; dennoch handelt es sich letztlich um gehobene Paraphrasen. Der Mehrwert des Buchs entsteht damit zwischen den Kapiteln. Manche Einzelthesen greifen zusätzlich etwas weit – so kann die Beweisführung, Friedrichs Wanderer über dem Nebelmeerstelle Goethe dar, nicht recht überzeugen. Überhaupt zeigt sich im Goethe-Exkurs noch einmal die systematische Unentschlossenheit, mit der das Buch zu kämpfen hat: Gehört Faust Ijetzt zur europäischen Romantik oder nicht? Ziolkowski schlägt vor, das Drama auszuklammern, da es zeitgenössisch nicht als ‚romantisch‘ aufgenommen wurde. Auch hier bleibt die Frage offen, was es im Text sein könnte, was das Drama in eine Nähe oder Distanz zur Romantik rückt.

Ziolkowskis Stages of European Romanticismist schließlich nur deshalb in Teilen ärgerlich, weil sie so innovativ angelegt ist. Die stets anregende Monographie gibt sich auf sympathische Weise unaufdringlich, was sie einerseits lesenswert macht, andererseits aber nur zu verhaltenen Werturteilen und Deutungen verleitet. Damit erfüllt Ziolkowski genau das Ziel, welches er an später Stelle in seinem Buch auch als Leitfaden enthüllt: „I have sought simply to consider groups of representative compositions, literary products, and paintings from various decades during the period generally conceded to be ‚Romantic‘ and to let their characteristics and common elements speak for themselves“ (S. 222). Nicht mehr und nicht weniger bietet die vorliegende Untersuchung, womit sie im besten Fall als Auftakt zu vertiefenden Untersuchungen dienen kann. Damit aber ist auf diesem überkomplexen Feld schon viel gewonnen: Die transkulturelle und -mediale Betrachtungsweise stellt sich als unbedingt anschlussfähig heraus und zeigt, wie durch gelungene Auswahl auch kleinerer Werke eine Geschichte europäischer Romantik möglich werden kann. Wie genau diese Romantiken aber verknüpft sind, diese Frage aller Fragen steht weiterhin zur Bearbeitung aus.

Raphael Stübe, 16.08.2019
23.06.2018
Craig R. Smith
Romanticism, Rhetoric and the Search for the Sublime
A Neo-Romantic Theory for Our Time
Cambridge (Cambridge Scholars Publishing Limited) 2018

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23.06.2018
Otto Eberhardt
Eichendorffs Dichtersprache
Wörter, Wendungen, Motive. Ein Lexikon.
Würzburg (Königshausen & Neumann) 2018

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29.05.2018
Boris Roman Gibhardt
Nachtseite des Sinnbilds
Die Romantische Allegorie
Göttingen (Wallstein Verlag) 2018

Boris Roman Gibhardts Buch, das im Titel auf Gotthilf Heinrich Schuberts Nachtseiten-Metaphorik zurückgreift, widmet sich dem Versuch der Charakterisierung einer zentralen rhetorischen Stilfigur des Romantikdiskurses – der Allegorie. Nachtseite des Sinnbilds bietet ein Angebot zur Annäherung: Wolle man dem Gegenstand wirklich gerecht werden, so schickt es der Autor voraus, sollte man dem Phänomen nicht mit einem exklusiven Konzept der Dechiffrierung begegnen, sondern kontextabhängig variabel bleiben. Die Frage „nach dem Konnex von Allegorie und Romantik“ (22) müsse dabei neu ausformuliert werden, um das typologische Romantikverständnis vieler bisheriger Allegorie-Abhandlungen zu überwinden.

Und so begibt sich Gibhardt in seiner detailversessenen und zu jeder Zeit genauestens erarbeiteten Studie auf verschlungene Pfade romantischer Formen der Allegorie, denn er macht auch in den Analysen darauf aufmerksam, dass die Allegorie nicht als ein „einheitliches historisches Konzept umrissen werden kann“ (14). Die Tatsache, dass sie vielmehr darstellungsbezogen immer wieder neu (re-)kontextualisiert und ausgedeutet werden muss, mündet in ein – mitunter ins Unüberschaubare tendierendes – Heranziehen von Theorien und Theoretikern der Romantik. Zudem kommen auch Stimmen der Aufklärung und Klassik sowie etliche Proto- und ‚Anti-Romantiker‘ zu Wort. Der vermeintliche Theorieüberschuss der Arbeit ist dabei nicht von Gibhardt konstruiert, sondern vielmehr dem Gegenstand selbst geschuldet, ist doch die ‚romantische Allegorie‘ – und das kann als eine zentrale Erkenntnis der Lektüre gewertet werden – Idee des theoretischen Geistes und weniger der des schaffenden Künstlers.

Über zahlreiche Analysen wird aber immer wieder der Bezug zu einem jeweils konkreten Kunstwerk hergestellt. So finden sich beispielsweise Passagen zu Novalis‘ Christenheit oder Europa, Caspar David Friedrichs Mönch am Meer und den sich darum rankenden Diskurs (v. a. Brentanos und Kleists Empfindungen), Schlegels Lucinde oder Tiecks Franz Sternbald. Kaum ein Werk des romantischen Kanons scheint Gibhardt dabei zu übergehen. Zentraler Anker der Abhandlung ist jedoch das Werk Philipp Otto Runges, welches sich vor allem dadurch auszeichnet, dass es in seiner ästhetischen Komplexität den Darstellungspostulaten der (Früh-)Romantik am nähesten kommt. Die romantische Allegorie sprenge die klassische Vorstellung einer Einheit von Inhalt und Form und setze auf ein auf Disjunktion von Geist und Zeichen bauendes Formprinzip, um eine Bedeutungsgenese in einen temporalen Prozess zu überführen. Gerade die in Runges Werk zentralen arabesken Formen und ihre künstlerische Neubewertung als Bedeutungsträger bei gleichzeitiger Wahrung der reinen ornamentalen Gestalt versteht Gibhardt als adäquate bildkünstlerische Umsetzung eines verhüllenden Spiels der Zeichen, welches die romantische Allegorie laut ihren Theoretikern auszeichnen soll. In Gibhardts ausführlicher und differenzierten Auseinandersetzung mit Runges Kleinem Morgen wird deutlich, dass das Kunstwerk diesen theoretischen Ansprüchen gerecht zu werden versucht.

Genau in diesen Engführungen von Kunsttheorie und Werk ist die Arbeit argumentativ am überzeugendsten. Aber auch darüber hinaus ist Gibhardts Stil (wenn man sich an seine komplexe Struktur des Argumentierens gewöhnt hat) stets und in allen seinen Ausführungen so präzise, dass man ihm gerne in immer neue Gründe des Romantisch-Allegorischen folgt. Dass dabei oftmals die direkten Verbindungslinien von literarisch-philosophischer Theorie zur künstlerischen Praxis nicht nachzuweisen sind, führt jedoch nicht zu einer Verunklarung der Darstellungslogik der romantischen Allegorie, sondern ist Wesensmerkmal des vor allem auf Theorieebene geführten Diskurses. Obwohl die Abhandlung keiner streng narrativen Logik folgt, ergibt sich in der Gesamtschau der nebeneinandergestellten Analysen ein relativ geschlossenes Bild einer Debatte, deren breites Fundament hier kenntnisreich offengelegt wurde. Somit wird das Fortwirken verschiedener Theoreme über die relativ kurze historische Epoche hinaus sehr gut nachvollziehbar.

Dass die Werkbeispiele aus der bildenden Kunst teilweise recht klein und nur in Graustufen abgebildet sind, lässt sich insofern verschmerzen, als dass man, um Gibhardt bis in die letzten Züge seiner Argumentation zu folgen, sowieso nicht umhinkommt, sich die besprochenen Bilder und Bildausschnitte in hochauflösender und farblicher Variante neben die Lektüre zu legen.

Es zeichnet die Analyse aus, dass sie einen Bogen darum macht, vermeintlich einfache und definite Aussagen über die romantische Allegorie treffen zu wollen. Gerade in der klugen Zusammen- und Nebeneinanderstellung der Theorien und Theoreme entwickelt der Autor so ein Paradigma für die Aushandlungsprozesse ästhetischer Problemstellungen um 1800.

Auch wenn der bei Gibhardt prominent und zentral positionierte Verweis auf die besondere Temporalität der romantischen Allegorie bereits in Walter Benjamins Ursprung des deutschen Trauerspiels zum Tragen kommt (der dabei wiederum sehr stark auf Friedrich Creuzer zurückgreift) und die besondere Rolle der Allegorie in der Kunsttheorie der Romantik bereits an etlichen Stellen recht ausführlich Besprechung fand, ist die vorgelegte Studie die erste auf Monographie-Länge herausgegebene Schrift zur ‚romantischen Allegorie‘. Schon allein daraus ergibt sich die dem Buch künftig zukommende zentrale Rolle bei Bezugnahmen auf jene Formen des Denkens und Darstellens der Romantik, die die Form des Allegorischen aufweisen. Dafür spricht auch, dass Gibhardt die Allegorie nicht bloß auf einem eng eingehegten Feld einer Disziplin in den Blick nimmt. Zwar steht die Analyse mit der Fokussierung auf das Werk Philipp Otto Runges auf einem kunsthistorischen Grund, jedoch gehen die Wege immer wieder in die benachbarten Gebiete der Literatur, Philosophie, Theologie und Musiktheorie, sodass die Universalität allegorischer Verfahren auch in der Anlage des Buches zum Tragen kommt. Die enge Verzahnung all dieser Teilbereiche (bei gleichzeitiger Wahrung der Differenzen) ist eine Stärke des Buches. Auf knapp 200 Seiten behandelt es zwar ausgiebig den Charakter der romantischen Allegorie, ist aber gleichzeitig ein guter Führer durch die Debatten zur Ästhetik um 1800. Die Aufnahme in die gleichnamige – von Johannes Grave und Sabine Schneider herausgegebene – Reihe im Wallstein Verlag ist damit mehr als begründet.

Die romantische Allegorie, blieb am Ende kaum mehr als eine Kopfgeburt, zu der schon die Romantiker selbst ziemlich schnell auf Distanz zu gehen versuchten – vor allem dann, so Gibhardt, wenn es dazu kam, dass die Kunst „mit den ambitionierten Postulaten der frühromantischen Ästhetik – Reihe, Ironie, unendliche Spiegelung – Ernst machte“ (152). Mit dieser Pointe endet Gibhardt und macht damit nochmals auf eines der oft übersehenen Grundprobleme der Romantik aufmerksam. Trotz dieser Ambivalenzen genuin romantischer Ausprägungen der Allegorie auf die Spur gekommen zu sein und etliche bislang dunkel gebliebene Ecken dieses nachtseitigen Phänomens beleuchtet zu haben, muss Gibhardt deshalb umso höher angerechnet werden.

Martin Ehrler, 29.05.2019
10.05.2018
Sandra Kerschbaumer
Immer wieder Romantik
Modelltheoretische Beschreibungen ihrer Wirkungsgeschichte
Heidelberg (Universitätsverlag Winter) 2018

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07.04.2018
Jonas Cope
The Dissolution of Character in Late Romanticism
1820 - 1839
Edinburgh (Edinburgh University Press) 2018

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04.04.2018
Sandra Kerschbaumer, Stefan Matuschek (Hgg.)
Romantik erkennen – Modelle finden
Paderborn (Ferdinand Schöningh) 2018

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27.01.2018
Helmut Schanze
Erfindung der Romantik
Stuttgart (Metzler) 2018

Mit der Erfindung der Romantik legt Helmut Schanze noch einmal eine umfangreiche Monografie vor, die sich seinen beiden Themenschwerpunkten Romantik und Mediengeschichte widmet. Das Werk ist passend zum Untersuchungsgegenstand als Trias angelegt. Die gewählten Zeitabschnitte 1793–1798 („Tendenzen“), 1798–1828 („Doktrinen“) und 1828–1918 („Kein Ende“) entsprechen grob den Kategorien Vorgeschichte, Epoche und Wirkung, wobei Schanze sich bei letzterer auf die Nachwirkungen bis zum Ende des Ersten Weltkriegs beschränkt. In der titelgebenden Einleitung „Die Erfindung der Romantik“ zeigt der Autor auf, welche Problemfelder mit einer Definition des Begriffs ,Romantik‘ verbunden sind. Schanze verdeutlicht hier noch einmal, dass zwischen ,Romantik‘ und ,romantisch‘ zu differenzieren sei und entscheidet sich selbst wie folgt: Ausgehend von Novalis’ bekanntem enzyklopädischen Eintrag zum Lemma „Romantik“ untersucht er die These von der Erfindung derselben als „genetisch-generierendes Schreibverfahren“ bzw.als „generisch-genetisches Stichwort in der medialen Konstellation um 1800, als schreibendes und bildendes Suchverfahren nach dem ‚ursprünglichen Sinn‘“ – oder vereinfacht gesagt: Schanze untersucht die Romantik als Lehre vom romantischen Buch, also vom Roman.

Als Leitlinie dient Schanze dabei die Prämisse, dass eine „Geschichte der Romantik, die auf das romantische Buch, seine Theorie und Praxis abhebt, nicht auf deren eigene historiographische Verfahren verzichten“ könne. Daher greift er bei der Entwicklung seiner Argumentation auf die ‚romantische Weltsicht‘ zurück und macht Friedrich Schlegels bekanntes Diktum von der Französischen Revolution, Fichtes Wissenschaftslehre und Goethes Meister als „größten Tendenzen des Zeitalters“ zum Ausgangspunkt seiner Überlegungen. Im ersten Großkapitel „Tendenzen“ wird dann herausgearbeitet, wie Novalis und Schlegel aus den drei genannten Größen ein Programmfragment entwickeln, woraus, so die Überleitung zum Hauptteil der Monografie, die Erfindung der Romantik resultiert. Aus Tendenzen werden Doktrinen.

Auch der Hauptteil und der daran anknüpfende dritte Teil „Kein Ende“ folgen Schanzes Vorhaben, die historiografischen Verfahren der Romantik zu nutzen, und sind enzyklopädisch aufgebaut. In den Teilkapiteln „Universalpoesie“, „Mythologien“, „Rhetorik“, „Orte – Schulen“, „Museum“, „Märchen“, „Musik“ und „Politik“ finden sich von ihm erläuterte und kommentierte Zitate aus Briefen und literarischen Werken der Romantik. Dieses Verfahren bietet den Vorteil, dass Schanze seine langjährige Expertise einbringen und anhand von Belegen aufzeigen kann, wie die einzelnen Kategorien, denen nochmals Schlagworte untergeordnet sind, in der Romantik verstanden wurden. Für ein Fachpublikum, das mit den Begriffen vertraut ist, sind diese Ausführungen von großem Nutzen, insbesondere da Schanze einen starken Fokus auf das Verhältnis der Romantiker zu Goethe (und umgekehrt) legt. Zugleich birgt der enzyklopädische Ansatz einen Nachteil. Thema der Monografie ist ja nicht nur die „Erfindung der Romantik“, sondern auch der Roman als romantisches Buch. Nun sind literarische Analysen aber rar gesät und mitunter über weite Teile der Untersuchung verteilt. Schanze zieht diese jeweils heran, um kurz aufzuzeigen, wie sich bestimmte theoretische Aspekte in der praktischen Textproduktion niederschlagen. Der Autor hat hier der Darstellung der Entwicklung abstrakter Ideen im Dialog der Romantiker, dem Symphilosophieren, den Vorzug vor der ausführlichen Untersuchung literarischer Texte gegeben.

Ein Wert des Werkes und insbesondere des Hauptteils liegt aber darin, – und hier zeigt sich dann der Vorteil der enzyklopädischen Grundstruktur – dass Schanze sich auch auf die Mediengeschichte der Romantik konzentriert und in der Sekundärliteratur häufig vernachlässigte Themen in Teilkapiteln wie „Musik“ und „Museum“ oder Unterpunkten wie „Buchdruckerei“ ausführlich untersuchen und auf deren Bedeutung für die Epoche und die Begriffsbildung ‚Romantik eingehen kann.

Der abschließende Teil der Untersuchung, dem Schanze den Namen „Kein Ende gegeben hat, widmet sich einem größeren Zeitabschnitt, der sich bereits als Romantikrezeption bzw., im Sinne Schanzes, als Nachgeschichte lesen lässt. „Eine finale Zäsur, 1828, aber kein Ende, ist mit dem Ende der ‚Goethe’schen Kunstperiode und Heines Konzept einer ‚Romantischen Schule anzusetzen.“ Mit ihr, so hier die These, beginnt die Nachgeschichte der Romantik. „Das enzyklopädische Stichwort ist literarisch, musikalisch, kunstgeschichtlich entgrenzt; als vager Begriff entfaltet es jedoch Wirkung bis zur Gegenwart, als Modell und als Chronotopos der bestimmten Unbestimmtheit, besetzbar als eine Art von shiftingpattern‘ im Sinne der Ethnomethodologie.“

Schanze begründet diese Zäsur ausführlich mit einer Untersuchung von Heines Rolle in der Romantikrezeption und widmet sich dann in den drei Großabschnitten „Räume – Zeiten“, „Nur Literatur“ und „Romantiken – Neoromantiken“ unter anderem Cotta, Wagner und Nietzsche, bevor er sich ausgehend von Hofmannsthals Oper Der Rosenkavalier mit der Problematik des Begriffs ‚Neoromantik auseinandersetzt und zugleich, anhand von deren Verfilmung, an der Mediengeschichte des Begriffs ‚Romantik weiterarbeitet.

Den Abschluss der Monografie bildet das Kapitel „Aufgeklärte Romantik“, in welchem Schanze die Entwicklung des Begriffs ‚Romantik‘ und dessen Aufladung mit unterschiedlichsten Bedeutungen Revue passieren lässt und zu dem Schluss kommt:

Romantik als moderne Kunstlehre des Romans hat kein Ende wie die Kunstperiode. Sie erschöpft sich nicht in einer Romantischen Schule, auch nicht im deutschen Wesen, sondern weist, im Sinne des revolutionären »retour«, zu den Ursprüngen der Bilder, der Töne, der Sprache, der Erzählung, der Buchstaben, des gedruckten Buchs und auch der modernen technischen Medien eine europäische und weltliterarische Progressivität auf.

Innerhalb der langen Diskussion um die Bedeutung der Begriffe ,romantisch und ,Romantik und der 2007 durch Safranski erneut angefeuerten Debatte, inwiefern es sich bei dieser Epoche um „eine deutsche Affäre“ handele, bezieht Schanze damit eindeutig Position und geht einen sowohl für die Begriffs- als auch die Mediengeschichte der Epoche ergiebigen Weg, indem er ausgehend von der knappen, enzyklopädischen Skizzierung des Wortes durch Novalis und Schlegel aufarbeitet, wie aus einem „Stichwort“ eine der progressivsten und innovativsten Strömungen in der europäischen Geistesgeschichte entstehen konnte und aufzeigt, wie grundlegende Ideen der Epoche eben nicht nur in Form des Romans, sondern auch in den modernen Medien überlebt haben. Es bleibt der Wermutstropfen, dass Schanze aufgrund des Umfangs des Projekts manches nur skizzieren, manches nur anreißen konnte, manches letztlich weglassen musste: Aus den umfangreichen romantischen Textproduktionen kann im Rahmen der Monografie „nur eine kleine Zahl von literarischen, bildkünstlerischen und musikalischen Praxen einlässlich bearbeitet werden“. Das macht das Werk aber nicht weniger lesenswert.

Christian Quintes, 7.02.2020
05.12.2017
Christoph Bode (Hg.)
Romanticism and the Forms of Discontent
Trier (Wissenschaftlicher Verlag Trier) 2017

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05.12.2017
Sebastian Domsch, Christoph Reinfandt, Katharina Rennhak (Hgg.)
Romantic Ambiguities
Abodes of the Modern
Trier (Wissenschaftlicher Verlag Trier) 2017

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05.12.2017
Sandra Heinen, Katharina Rennhak (Hgg.)
Narratives of Romanticism
Selected Papers from the Wuppertal Conference of the German Society for English Romanticism
Trier (Wissenschaftlicher Verlag Trier) 2017

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05.12.2017
Bo Earle
Post-Personal Romanticism
Democratic Terror, Prosthetic Poetics, and the Comedy of Modern Ethical Life
Columbus, Ohio (Ohio State University Press) 2017

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05.12.2017
Christiane Klein
Das Jenaer Romantikertreffen im November 1799: Dokumentation und Analyse
Nebst einer kritischen Edition des Epikurisch Glaubensbekentniß von Friedrich Wilhelm Joseph Schelling
Heidelberg (Universitätsverlag Winter) 2017

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05.12.2017
K. P. van Anglen, James Engell (Hgg.)
The Call of Classical Literature in the Romantic Age
Edinburgh (Edinburgh University Press) 2017

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05.12.2017
Patrick Eiden-Offe
Die Poesie der Klasse
Romantischer Antikapitalismus und die Erfindung des Proletariats
Berlin (Matthes & Seitz) 2017

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12.11.2017
Friederike Frach, Norbert Baas (Hgg.)
Die Blaue Blume in der DDR
Bezüge zur Romantik zwischen politischer Kontrolle und ästhetischem Eigensinn
Berlin (Quintus-Verlag) 2017

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07.05.2017
Konrad Heumann, Karoline Sinur (Hgg.)
Welch kleiner Teufel führt Ihre Hand?
Autoren der Gegenwart im Dialog mit Handschriften der Romantik
Wiesbaden (Verlagshaus Römerweg) 2017

„Schläft ein Lied in allen Dingen“ – oder: Wenn die Begegnung mit Handschriften die Welt zum Klingen bringt

„Schläft ein Lied in allen Dingen“… Wer kennt sie nicht, Eichendorffs „Wünschelrute“? Viele sind dem Gedicht in der Schule begegnet − manche teilten die Sehnsucht, die in Eichendorffs Worten liegt, andere quälte das stupide schulische Auswendiglernen und Rezitieren. Dabei waren diese vier Verse vor allem: ein Text, gedruckt im Schulbuch oder der Gedichtanthologie. Ein Erlebnis, das deutlich verschieden ist vom Lesen der gedruckten Buch-Zeilen, beschreibt Thea Dorn in dem 2017 erschienenen Band „Welch kleiner Teufel führt Ihre Hand?“ Autoren der Gegenwart im Dialog mit Handschriften der Romantik. Nachdem sie sich im Freien Deutschen Hochstift in Frankfurt über die Handschrift gebeugt hatte, auf der sich die Skizzen und Vorentwürfe zur „Wünschelrute“ befinden, erschließt sich ihr ein neues Verständnis des Dichters und seiner vier Verse, die zu den berühmtesten der deutschen Romantik werden sollten.

Im vorliegenden Band finden wir neben Dorns Ausführungen acht weitere Begegnungen zwischen Gegenwartsautor*innen und einer Handschrift der Romantik, die verschiedener kaum sein könnten und sich doch gleichen in ihrer persönlichen Zuwendung. Eichendorff-Handschriften haben auch Wolfgang Büscher und Katharina Hacker ausgewählt, Feridun Zaimoglu, Peter Härtling und Sibylle Lewitscharoff setzen sich mit Autographen von Clemens Brentano auseinander, Eva Demski tritt in Dialog mit Karoline von Günderrode und Patrick Roth begegnet einer Handschrift von Novalis. Der Auseinandersetzung vorausgehen jeweils abgedruckte Fotos von der Handschrift und der transkribierte Text sowie ein kurzer Einführungstext der Herausgeber*innen, der eine stabile und gleichsam poetisch gestaltete Brücke zwischen wissenschaftlicher Genauigkeit und informativer Unterhaltung schlägt.

Die neun Begegnungen sind das Ergebnis einer Kooperation des Hessischen Rundfunks (hr2-kultur) und des Freien Deutschen Hochstifts, die zwischen 2012 und 2014 im Rahmen der Veranstaltungs- und Sendereihe „Handschriften der Romantik, neu gelesen“ Gegenwartsautor*innen ins Handschriftenarchiv des FDH einluden. Nun sind die Begegnungen in Buchform konserviert.

Die Herausgeber*innen – Karoline Sinur und Konrad Heumann betonen die besondere, geradezu auratische Wirkung, die von alten Autographen vor allem in unserer digital geprägten Welt ausgeht. Handschriften seien „nicht nur Texte […], sondern Textkörper, die in anderer Weise Zeugnis von ihrem Verfasser geben als dies gedruckte Bücher tun“ (11). Sie sind Ausdruck von Gedanken, aber auch „Ausdruck der Situation, in der sie niedergeschrieben wurden“ (ebd). Davon, dass der Einblick in diese historisch-persönliche Situation ganz verschiedene Wirkungen auf die Schriftsteller*innen der Gegenwart besitzt, zeugt die vorliegende Publikation. Die neun Begegnungen zeigen in ihrer Verschiedenheit die Beobachtung, die Helmut Müller, Geschäftsführer des Kulturfonds Frankfurt RheinMain, im Grußwort des Bandes beschreibt: „Manche [der Autor*innen] waren voller Ehrfurcht, andere haben die romantischen Autoren in ihrem Ringen um eine dichterische Wendung, um die eine, richtige Formulierung oder gar als ‚Alltagsmenschen‘ lebendig werden lassen“ (5). Die Autor*innen haben sich „auf poetische oder essayistische, analytische oder assoziative, immer aber sehr persönliche Weise [mit] der Geschichte des Schriftstücks, seiner Gestaltung oder der Biographie seines Verfassers“ (5) beschäftigt. Diese Vielstimmigkeit ist es, die das Buch nicht nur zu einer unterhaltenden Lektüre macht, sondern auch die teilweise fast brennend wirkende Aktualität der Romantik unterstreicht.
Dabei werden nicht nur neue Schichten in der Interpretation der romantischen Texte freigelegt, sondern in den Begegnungen der Autor*innen erfahren wir viel über ihr eigenes literarisches Schreiben in der Gegenwart. So betont beispielsweise Katharina Hacker in ihrer Auseinandersetzung mit einer Handschrift Eichendorffs die „Sehnsucht, den Menschen leibhaftig zu finden im Text“ (109), die beim Anblick eines Autographen geweckt wird. Eine Verbindung zwischen der eigenen Gegenwart und den romantischen Handschriften ziehen viele Autor*innen auch in ihrem Interesse für die Entstehung der berühmten Werke der Romantik. Mal mehr, mal weniger explizit setzen sie die Textgenese, die in der Handschrift sichtbar wird, in ein Verhältnis zum eigenen Schaffen. Die Begegnungen werden so tatsächlich zu Dialogen oder zu „Werkstattberichten“ (5), wie Müller es formuliert.

Beispielhaft zeigt sich dies in der eingangs erwähnten Auseinandersetzung Thea Dorns mit Eichendorffs „Schläft ein Lied in allen Dingen“. Der einleitende Text macht auf die Streichungen, zugefügten Wörter und Verse, auf rote Markierungen und Arbeitsnotizen Eichendorffs aufmerksam und Dorn bekundet, bei ihrem Besuch in der Handschriftensammlung einen ‚neuen‘ Eichendorff kennengelernt zu haben, einen „minutiösen ‚Arbeiter‘“ (37). Neben dieser Beobachtung der Methodik des historischen Kollegen, hebt Dorn auch die aktuelle Bedeutung Eichendorffs für ihr eigenes Leben hervor: Eichendorffs Texte führen sie zu der Erkenntnis, dass „hinter all der Trostlosigkeit, der Gewöhnlichkeit, der Biederkeit unserer so genannten ‚Wirklichkeit‘ [...] die eigentlich Welt“ liege, „in der die Erde ‚wie in Träumen‘ zu rauschen beginnt“ (36). Für Dorn ist die Romantik damit ein Weltdeutungsmodell, eine Möglichkeit, mit der Unsicherheit zwischen der erlebten, aber nicht befriedigenden Normalität und der Ahnung und Hoffnung eines hinter den Dingen liegenden Geheimnisses umzugehen.

Neben der Darstellung der persönlichen Zugangsgeschichte finden sich auch Annäherungen an die Handschriften, die ganz anderer Art sind. Beispielhaft zu nennen sind hier Michael Lentz analytisch-detaillierte Auseinandersetzung mit Schlegels Poesiekreisen oder Feridun Zaimoglus fiktiver Briefwechsel zwischen Clemens Brentano und Karoline von Günderrode. Mit den beiden letztgenannten Gegenwartsautoren spannt sich wohl auch die größte Variationsweite zwischen fast wissenschaftlicher Analyse und Inspirationsquelle für eigene literarisch-fiktive Werke auf. Angeregt durch den wortgewaltigen Brief Clemens Brentanos vom Mai 1802 an Karoline von Günderrode verfasst Zaimoglu eine ebenso sprachmächtige und schneidige Antwort, die er der Günderrode in den Mund legt, und aus der das Titel gebende Zitat stammt.

Welch kleiner Teufel führt Ihre Hand? eröffnet den Lesenden einen Einblick in die reiche Autographensammlung des Freiem Deutschen Hochstifts, es vermittelt die Ahnung eines ganzen Kosmos, der in den überlieferten Papieren schlummert, und dieses Buch macht Lust, diesen Kosmos zu entdecken. Es bringt uns die Romantik jenseits der wissenschaftlichen Analyse oder definitorischen Bestimmung der philosophisch-literarischen Strömung nahe. Das Menschliche, das Einzigartige, die Vielschichtigkeit tritt uns in den neun Begegnungen entgegen. Die Fotografien von Alexander Paul Englert, die jeden Beitrag begleiten, versuchen dabei die Begegnung zwischen den Autor*innen und den Handschriften auch für die Leser*innen erlebbar zu machen. Ganz gelingen kann dies natürlich nicht, doch es macht neugierig, selbst in einen Dialog mit den Handschriften der Romantik zu treten, wenn bald das Romantik-Museum in Frankfurt eröffnet wird.

Konrad Heumann, Karoline Sinur (Hrsg.): „Welch kleiner Teufel führt Ihre Hand?“ Autoren der Gegenwart im Dialog mit Handschriften der Romantik, Wiesbaden: Verlag Waldemar Kramer 2017. 128 S., Abb., geb., 24 €.

Annika Bartsch, 04.04.2019
26.04.2017
Norman Kasper, Jochen Strobel (Hgg.)
Praxis und Diskurs der Romantik 1800-1900
Paderborn (Ferdinand Schöningh) 2016

Der Band Praxis und Diskurs der Romantik 1800-1900 verfolgt das Anliegen, mithilfe exemplarischer Studien das ambivalente Verhältnis des 19. Jahrhunderts zur Romantik genauer auszutarieren. Die Herausgeber gehen dabei einem praxeologischen und diskurstheoretischen Ansatz nach. Sie verfolgen die These, dass dem Diskursiven auch eine praktische Dimension innewohnt, dass also Deutungen von Romantik immer auch Konzepte hervorbringen, die das allgemeine Verständnis von der Epoche prägen. Nach einem einleitenden Überblicksbeitrag zur gesellschaftlichen und literarischen Landschaft, in der sich um 1800 eine deutschsprachige Romantik formieren konnte, bietet der Band kunst- und literaturwissenschaftliche Beiträge zu praktisch-ästhetischen Umsetzungen romantischer Topoi. Des Weiteren vermitteln diskursgeschichtliche Aufsätze einen Eindruck von den affirmativen und auch deutlich kritischen Beiträgen, durch die das 19. Jahrhundert ein nachhaltig ambivalentes Verhältnis zur Romantik stiftete. Axiome des Romantischen oder gar eine Definition von Romantik sollen in diesem Band nicht vorausgesetzt, sondern in den jeweiligen positiven wie negativen Bezugnahmen auf die Epoche herauskristallisiert werden. Phänomene, die sich dem ‚Label‘ Romantik entziehen oder in keiner ausgewiesenen Rezeptionskette zu ihr stehen, gehören demnach vordergründig nicht zum Untersuchungsbereich dieses Bandes, wodurch er sich von einem modelltheoretischen Zugang abhebt.

Im einleitenden Überblicksbeitrag Romantik als poetische Praxis (in) der Aufklärung plädiert Jürgen Joachimsthaler dafür, frühromantische Texte nicht als Initialzündung für eine eigene Epoche zu verstehen, sondern vielmehr als eine „konsequente Fortführung“ (S. 27) der Aufklärung. In ihrem Programm seien etwa bereits das Konzept der unabschließbaren Perfektibilität des Menschen (Lessing) oder der Ästhetisierung des Sakralen (Goethes und Heinses Italienreisen) veranlagt gewesen. Das aufklärerische Projekt der expansiven Erschließung von fernen Kontinenten, Kulturen und Religionen habe außerdem bereits im Verlauf des 18. Jahrhunderts das Interesse an phantastischen Geschichten und neuen Vorstellungswelten geschürt. Ob und inwiefern allerdings auch das romantische Streben nach einer holistischen Sinnperspektive zur Vereinigung der disparaten neuen Erfahrungswerte durch die Aufklärung vorbereitet wurde, führt Joachimsthaler nicht aus. Der Aufsatz besticht dennoch durch die Dichte an literatur- und sozialgeschichtlichem Wissen, das der Zeit um 1800 eine anschauliche und differenzierte Darstellung verleiht. Im Gegensatz zu den in der Einleitung vorgeschlagen Ansätzen, lässt sich dieser Beitrag als eine historische Grundlage für die weiteren Beiträge verstehen.

Der künstlerischen Umsetzung romantischer Themen widmet sich Monika Schmitz-Emans am Beispiel von Wolkenstudien. Wolken wurden um 1800 als eine Verbindung zwischen Irdischem und Transzendentem betrachtet, die, in einem fortwährenden Zustand der Liminalität begriffen, keine endliche und definitive Form finden. An ihnen kann der Mensch seine Kreativität spielen lassen, gleichzeitig können die unscharfen Gebilde auch, der Arabeske gleich, das freie Spiel der Phantasie wachrufen. Wolkenstudien stellten um 1800 eine Schnittmenge poetischer, malerischer, aber auch meteorologischer Diskurse dar und beflügelten gerade die produktive Auseinandersetzung mit Fragen nach der adäquaten Darstellbarkeit des Zufälligen, Vergänglichen und Wandelbaren. Die Autorin zeigt, dass sich über die als romantisch etikettierte Wolkenkunst konstitutive Merkmale für eine disziplinübergreifende romantische Praxis nachvollziehen lassen.

In seinem Aufsatz Dramaturgien der Romantik unternimmt Norman Kaspar einen interdisziplinären, diskursanalytischen Vergleich von Epochennarrativen der Romantik. Als Analysegegenstand wählt er die Debatten um romantische Kunst im Nachmärz, die vor allem durch den Literaturhistoriker Hettner und den Kunstwissenschaftler Riegel angeführt wurden. Er stellt die literatur- und kunsthistorische Lesarten einander gegenüber und zeigt auf, wie die unterschiedlichen Zäsur- und Schwerpunktsetzungen der Fächer je eigene Akzente der Romantik als konstitutive Merkmale festlegten. Kaspar markiert mit seinem theoretischen Ausgangspunkt das Desiderat einer Metahistoriographie der Literaturgeschichte und zeigt darüber hinaus beispielhaft die narrativen Muster einer Epochenkonstruktion anhand der romantischen Kunstschriftstellerei auf.

In Barry Murnanes Beitrag steht dieses kontingente und ambivalente Verhältnis von Epochenkonstruktionen ebenfalls im Zentrum der Untersuchung. Die pointiert skizzierte Rezeptionsbewegung der Literatur E.T.A. Hoffmanns von Deutschland nach Schottland über Frankreich wieder nach Deutschland steht in dem Spannungsfeld von anfänglicher psychopathogener Diskreditierung und emphatischer Aufnahme des Phantastischen. Murnane trägt sowohl der europäischen Dimension der Romantik als auch ihrer diskursiven Genealogie Rechnung: Einerseits ist die Romantik in Europa ohne transkulturelle Rezeption nicht denkbar. Andererseits implizieren literaturwissenschaftliche Modelle des Romantischen Ausschluss- und Inklusionsmechanismen.

Ludwig Stockinger bestätigt Teilergebnisse von Murnane und Kasper, indem er die Begriffe ‚Romantisches‘ und ‚Romantik‘ auf Grundlage von Artikeln in der 6. und 10. Auflage des Brockhaus Konversationslexikons historisch perspektiviert. Die 6. Auflage von 1824 gibt das Wissen um die Begriffe am Ende der Goethezeit wieder. In der 10. Auflage, die in den Jahren 1851-1855 entstand, spiegelt sich die Wende zur Realpolitik und zum literarischen Realismus. Während die Poesie und die Akteure der Romantik 1824 noch nicht als solche gekennzeichnet wurden und eher diffus die Rede von einer ‚Revolution im Gebiete der Kunst und Poesie‘(S. 93) war, enthielt der epochenunabhängige Wortgebrauch des Romantischen bereits viele Charakteristika, die heute romantischer Literatur zugeschrieben werden. Etwas knapp fällt Stockingers Analyse der 10. Auflage und somit der Vergleich mit der Restaurationszeit aus, deren antiromantische Polemik sich auch im Lexikonwissen der Zeit niederschlug.

Maike Oergel wendet sich dem europäischen Ideentransfer des 19. Jahrhunderts zu. Ihre Argumentation besticht dadurch, dass sie entscheidende Parallelen nationalkultureller Selbstdeutungen in der deutschen Philosophie um 1800 sowie in der englischen Geschichtswissenschaft im 19. Jahrhundert aufzeigt. Diese Selbstdeutungen seien aus dem Transfer eines romantischen Kulturmusters entstanden, das von der Romantik ausging. Es besteht wesentlich darin, die eigene Kultur von einer historisch differenten Kultur abzugrenzen, letztere zu überhöhen und die Abgrenzung durch Assimilation aufzuheben. Ob jedoch dieses Kulturmuster mit dem Attribut “romantisch” ausreichend gekennzeichnet ist, erforderte weitere Studien, die zeigen, dass dieses Muster ein Präzedenzfall der ästhetischen, politischen und philosophischen Romantik ist.

Die Entstehungsbedingungen romantischer Strömungen zu erschließen und nach Umsetzungen der ihr eigenen Theorie in romantische Praktiken zu fragen, gehört ebenso zu den Säulen der aktuellen Romantikforschung, wie die Analyse ihrer Bewertungen in der Epoche nach 1830. Beides verspricht adäquate Zugänge zur Erklärung ihrer Pluralität und überzeitlichen Strahlkraft. Mit seinen Einzelbeiträgen und seinem übergeordneten theoretischen Ansatz erfüllt der Band die an ihn gestellten Erwartungen und liefert reiches Material für eine noch unvollständige Landkarte kultureller, sozialer und politischer Entwicklungen im Ausgang von der historischen Romantik.

Gerade die transdisziplinären, transkulturellen und komparatistischen Aufsätze führen anschaulich vor, dass die Semantiken des Ausdrucks „Romantik“ und „romantisch“ sowie die Kontexte ihrer Verwendung Aufschluss über die zeitliche, fachliche und räumliche Gebundenheit ihrer Definitionen geben. Konträr zum theoretischen Anspruch des Bandes gelingt es jedoch nicht immer, diese Definitionen aus den jeweils spezifischen Diskursen abzuleiten. Oergel, Joachimsthaler und Murnane machen mit ihren Beiträgen deutlich, dass es ebenso produktiv wie notwendig sein kann, dem eigenen Beitrag eine Definition von Romantik transparent zugrunde zu legen, da so die impliziten Kontinuitäten und Transformationen der um 1800 entwickelten Verfahren und Muster sichtbar gemacht werden können. Der diskursanalytisch-praxeologische Ansatz des Bandes und eine modelltheoretische Perspektive, die Merkmale des Romantischen voraussetzt und auch außerhalb des Begriffs nach entsprechenden Phänomenen sucht, können sich – wie die Herausgeber in ihrer Einleitung betonen – gegenseitig in ihrem Wechselspiel ergänzen und so die Forschungslandschaft bereichern.

Patricia Kotzauer und Hendrick Heimböckel, 26.04.2018
22.11.2016
Zoe Beenstock
The Politics of Romanticism
The Social Contract and Literature
Edinburgh (Edinburgh University Press) 2016

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22.11.2016
Michael Bradshaw (Hg.)
Disabling Romanticism
Body, Mind and Text
Heidelberg (Springer) 2016

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07.11.2016
William Christie
The Two Romanticisms and other Essays
Mystery and Interpretation in Romantic Literature
Sydney (University Press) 2016

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24.07.2016
Laurie Ruth Johnson
Forgotten Dreams
Revisiting Romanticism in the Cinema of Werner Herzog
Rochester, New York (Boydell & Brewer) 2016

Fragt man Werner Herzog nach den Traditionen, in denen sein Schaffen wurzelt, verweist der Filmemacher gerne auf die klassische Antike als wichtige Quelle der Inspiration. Dass dieser Einschätzung jedoch durchaus zu misstrauen ist, versucht Laurie Ruth Johnson – gegenwärtig Professorin für German Languages and Literature an der University of Illinois – in ihrer Studie Revisiting Romanticism in the Cinema of Werner Herzog herauszuarbeiten. Johnsons Buch repräsentiert den vorläufigen Höhepunkt ihrer Bestrebungen, das Werk des Filmemachers gegen dessen Selbstdeutung in der Tradition der deutschen Frühromantik zu lesen beziehungsweise als ‚neu-romantisch’ zu klassifizieren. Die Autorin führt damit Anregungen weiter, die insbesondere durch die Publikationen des Herzog-Spezialisten Brad Prager Eingang in die US-amerikanische Forschung gefunden haben. Seinem Ansatz zeigt sich Revisiting Romanticism dabei in zweierlei Hinsicht verwandt. Zum einen, insofern die Studie anhand von fünf Themenschwerpunkten der Adaption romantischer Ideen und Motive in Herzogs Spiel- und Dokumentar-Filmen nachspürt und dabei das Schaffen des Regisseurs vom Beginn der siebziger bis in die Zehner-Jahre des gegenwärtigen Jahrhunderts in den Blick nimmt. Zum anderen, als Johnson ebenso das Verständnis für die historische Romantik erweitern möchte (vgl. S. 3). Dies vor allem insofern, als sie gegen deren einseitiges Verständnis als konservativ und eskapistisch opponiert beziehungsweise einer solchen Lesart die frühromantischen Akteure als Vertreter eines „critical thinking“ (S. 2) entgegensetzt. Revisiting Romanticism versucht also, eine doppelte Argumentationsperspektive zu entwerfen: Das historische Phänomen und Herzogs Filme sollen ineinander gespiegelt und derart ihre Wahlverwandtschaft vor Augen geführt werden.

Im Fluchtpunkt dieses Erkenntnisinteresses ergibt sich eine Nähe zwischen Johnsons Veröffentlichung und Forschungsansätzen im deutschsprachigen Raum. Das gilt im besonderen Maße mit Blick auf das methodische Profil des Jenaer Romantik-Kollegs, das nach ‚Variation, Reichweite und Aktualität’ der um 1800 virulenten Ideen und Gestaltungsstrategien fragt. So ist die in dessen Zusammenhang entwickelte Analyseheuristik des ‚Modells‘ geeignet, den Ansatz von Johnsons Studie (die dieses Konzept nicht kennt) zu prüfen. Denn das Nachdenken über die Funktionsweise von Modellen sensibilisiert für die neuralgischen Punkte des Ansatzes der Autorin und bietet die Grundlage zur Entwicklung eines Bewertungsmaßstabes der in Revisiting Romanticism angeführten Belege für den ‚neu-romantischen’ Charakter von Herzogs Kino. Zu den analytischen Grundvoraussetzungen gehört die Identifikation eines spezifischen Merkmalsbündels. Daraus folgt nichts anderes, als dass die Güte der Qualifizierung eines Werks als ‚romantisch’ maßgeblich davon abhängt, inwiefern die zur Begründung dieser Qualifizierung herangezogenen Merkmale als exklusiv ‚romantisch’ gelten können. Ein Beispiel: Es wäre unzureichend, die Gattung der Lyrik und das Thema der Liebe als die beiden hinreichenden Merkmale romantischer Ästhetik zu identifizieren. Dies würde nicht nur an der Variabilität der historischen Schöpfungen vorbeigehen, sondern diese nur unzureichend von einer Vielzahl an Barock-Gedichten und gegenwärtiger Schlagermusik abgrenzen. Die Validität von Johnsons Klassifizierung des Herzog’schen Œuvres als ‚neu-romantisch’ hängt also maßgeblich von der Spezifizität der Grundlagen ab, auf denen sie ihren Vergleich zwischen den Filmen des Regisseurs und dem um 1800 entwickelten Kunstprogramm aufbaut.

Blickt man vor diesem Hintergrund zunächst auf die Ausführungen Johnsons zur historischen (Früh-) Romantik, lässt sich konstatieren, dass der Autorin eine überzeugende Darstellung gelingt. So entwirft sie, unter anderem in Anschluss an Überlegungen Manfred Franks, das Bild eines insbesondere auf die Philosophie Kants reagierenden Kunstprogramms, für das die Perpetuum mobile-gleiche Konfrontation zwischen absolutem Erkenntnisanspruch und der Betonung von Erkenntnisvorbehalten fundamental ist (vgl. u.a. S. 5). Dieser, für die Romantik wesentliche Gestus des immer nur Vorläufigen wird von Johnson zudem als Strategie des Ironischen klassifiziert beziehungsweise mit Darstellungsformen wie der Fragmentierung und der Arabeske in Verbindung gebracht (vgl. u.a. S. 7). Als kleinere Mankos sind demgegenüber lediglich die Überbetonung der rationalistischen Tendenzen der Aufklärung (vgl. u.a. S. 8) sowie die ausschließlich negative Bewertung der Spätromantik zu nennen (vgl. u.a. S. 6).

So solide Johnsons Darstellung der historischen Grundlagen des in Revisiting Romanticism angestrebten Vergleichs ist, so problematisch erscheint die Methodik der Durchführung. Dies zum einen, weil die Autorin im Zuge der Argumentation immer wieder Akteure zur Untermauerung ihrer Wahlverwandtschafts-These heranzieht, die sich nicht ohne Weiteres der romantischen Strömung zuschlagen lassen. Als Beispiel sei hier nur auf Karl Philipp Moritz und das maßgeblich durch diesen popularisierte Konzept der Kunstautonomie verwiesen, das Johnson unter anderem im Rahmen ihrer Analyse von The Wild Blue Yonder bemüht (vgl. u.a. S. 37). Zwar ist es sicherlich richtig, dass Verbindungslinien zwischen dessen Werk und der Romantik gezogen werden können, gleiches lässt sich jedoch ebenfalls für die klassizistische Kunst der Zeit konstatieren. In diesem und vergleichbaren Fällen (etwa der Herder verpflichteten Fitzcarraldo-Lektüre) begnügt sich die Autorin lediglich mit allgemeinen Verweisen auf ein bestehendes Einflussverhältnis (vgl. S. 49). Hier wäre zur Plausibilisierung ein argumentativer Mehraufwand notwendig gewesen, der in Revisiting Romanticism nicht geleistet wird.

Als Hauptschwäche von Johnsons Studie muss der Umstand gelten, dass die von ihr gewählten Vergleichsgrundlagen viel zu unspezifisch sind, als dass sie eine Klassifizierung von Herzogs Filmen als ‚neu-romantisch’ plausibel machen könnten. So gründen die Analogien, die ihre Studie etwa im Falle von Cave of Forgotten Dreams zwischen der Malerei Caspar David Friedrichs und den Arbeiten des Regisseurs herstellt werden, vor allem auf dem Umstand, dass in beiden Fällen die (mediale) Vermitteltheit des Sehens zum Thema gemacht wird (vgl. u.a. S. 21). Abgesehen davon, dass Johnson methodische Problematiken außen vor lässt, die sich bei einem Vergleich über Mediengrenzen hinweg ergeben, ist das Moment der visuellen Selbstreferentialität keines, das exklusiv der romantischen (Landschafts-) Malerei zukommt. Dieses spielt, um ein historisch etwas entfernteres Gegenbeispiel anzuführen, für die Verkündigungs-Darstellungen Filippo Lippis (1406-1469) ebenso eine zentrale Rolle. Ähnliches gilt für die Verbindung, die Johnson, unter anderem am Beispiel von Death for Five Voices, zwischen Herzogs Filmen und den romantischen Kunstwerken mit Blick auf die Art und Weise des Traditionsbezuges knüpft. So ist die von ihr als Tertium Comparationis identifizierte „gesture of seeking past genius and repurposing it for the present“ (S. 183f.) etwas, das die europäische Kunst eigentlich seit ihren antiken Anfängen auszeichnet. Auch in diesem Fall kann also nicht davon die Rede sein, dass die in Johnsons Studie aufgerufene Vergleichsgrundlage das notwendige Maß an Spezifizität erfüllt, um eine Klassifizierung des Herzog’schen Kinos als ‚neu-romantisch’ belegen zu können. Revisiting Romanticism bleibt insgesamt also den zwingenden Nachweis eines Fortwirkens des ‚Modell Romantik’ im Werk eines der wichtigsten deutschen Gegenwartsregisseure schuldig.


Das Buch ist seit dem 01.08.2019 auch als Taschenbuch veröffentlicht worden und hier zu finden.

Tilman Schreiber, 24.07.2019
12.02.2016
Alan Bewell
Natures in Translation
Romanticism and Colonial Natural History
Baltimore (Johns Hopkins University Press) 2016

Alan Bewell’s new book is a long over-due critical study on colonial ecology during the Romantic period and the ways in which ecology and poetry intersect. Moving beyond Romantic Nature in the abstract, the volume offers meticulously researched insights into nature as a central agent in the establishment of colonial power and control. This book argues that the period saw a fundamental change in nature: from environments characterised by a fixed location and locus of development to a global network of travelling natures.

Bewell, whose previous research has focussed on British Romanticism, postcolonial theory, and the natural sciences, combines these interests to successfully argue that it was the naturalist who defined how the British understood nature and the colonial world. By structuring the volume around natural history, the author demonstrates how technology, ecology, trade, exploration, slavery, and poetry are interconnected in what became a global system of exchange and control.

The book contains nine chapters which combine aspects of colonial botanic history with an examination of its influence on English Romantic authors. The first five chapters each have a different geographical focus which starts with the English landscape and moves to the Caribbean, Australia, and Southeast America. The final four chapters concentrate on individual authors, works, and people including John Clare’s poetic botany, Darwin’s development of the theory of evolution (Bewell argues that reading Lyell in a colonial context changed Darwin’s thinking from being about “ecologies in place” to “ecologies in motion”), and Mary Shelley’s Frankenstein. In these final chapters, it is refreshing to find nature being reinserted into Romantic scholarship in an intelligent fashion that understands the complex intersections of biology and culture during the period.

The book’s opening chapter explores the economic power behind botanical gardens, as clearing houses for colonial natures and the exotics trade, alongside Erasmus Darwin’s poem ‘The Botanic Garden’. According to Bewell, this poem “presents in the clearest terms this new idea of a modern cosmopolitan nature, whose characters would be determined by science and the market place, not by origins” (p. 78).

It is in the second chapter that the book’s primary theoretical focus comes into play. Contrasting Jamaica Kincaid’s writings about her experience of nature in the Caribbean with the experience of lieutenant governor’s consort Maria Skinner Nugent, Bewell is able to argue that “the genius of hybrid Britain, unlike that of England, was not rooted in place, like a genius loci, but instead resided in a genius translation” (p. 95). Bewell draws on the concept of translation as a central theory throughout the volume. His use of the term, which originally incorporated the idea of both movement and change, makes it clear that colonial botany was not simply a transfer of plants into new environments, but that this was an all-encompassing process of translation. This is the unifying thread in the book, which is otherwise a tour de force through colonial geography, scientific personalities, and literature.

In chapter three ‘Translating Early Australian Natural History’, Bewell offers an interesting account of the reception of Indigenous plant names and the appropriation of Indigenous drawings in William Westall’s work. Australian colonial poets are noticeably missing from this chapter which instead cites Erasmus Darwin once again. Bewell does, however, offer an interesting perspective on Wordsworth’s poetry throughout the volume, arguing that it is not about unchanging nature, but about living with a disappearing nature, in which “Nature present is understood as being already a part of nature past” (p. 268).

This note of melancholy and sense of loss sets the tone for the second half of the book which inserts an ecocritical tone into the otherwise slippery authorial voice. Chapter seven for instance, follows the theme of loss from the perspective of John Clare’s feelings of exile as industrialisation, agricultural reform, imported plants, and the ever more visible privatisation of land-ownership exiled him from his rootedness in the landscape of Helpston. The final chapter ties together Charles Darwin, the Romantics, and modern ecological thought in a posthuman interpretation of Frankenstein as an “elegy for an unborn species” (p. 339). In a moving take on the classic novel, Bewell closes by reminding the reader of the importance of listening “to the appeals, inherently forms of grievance, silently being made to us by present-day natures and the ghosts of natures past” (p. 340).

The narrative maintains an ironic tone throughout which is humorous and entertaining to read. It is however, also plastic enough that the reader is put in the uncomfortable position of being called on to admire the sheer ingenuity of the British empire. This is an effective technique for unsettling the reader and truly communicating the Zeitgeist of his subject. One of the side effects of reading the duel history of colonisation and Romanticism through the lens of natural history, as Bewell does here, is that plants take on an almost sentient aspect and are afforded a great deal of agency in the book. This leads to fresh and playful prose which can, however, also create a sense of erasure in the author’s treatment of indigenous cultures. Bewell ignores Aboriginal nations’ involvement in pre-colonial trade and biological exchange in Southeast Asia for instance. However, the history the author blends out does not invalidate his arguments. The approach to the biological history of colonisation during the Romantic period taken in this book builds on Paul Carter’s work on spatial history in postcolonial studies. Bewell’s primary contribution lies in the recontextualization of classic English Romantic poetry in the realities of a globalised network of biological exchange and the effect that this has had on how nature is written.

Natures in Translation is an excellent example of how interdisciplinary scholarship can revolutionise our understanding of a subject. The text speaks to contemporary concerns without resorting to clumsy comparisons or platitudes. The image of nature so commonly propagated in the context of Romanticism is one of nostalgia, escapism, and the sublime. Bewell’s book dispels this image by systematically drawing a picture of nature at the forefront of cutting-edge science, modernity, trade, and power. His natures are not stable places of quiet retreat and touch stones of moral renewal, but dynamic, travelling, and translated natures on a global scale. Scholars of Romantic literature, the history of science, and those with an interest in ecocriticism will find this book to be a great enrichment to their understanding of both the Romantic period and current ecological realities.

Ruth Barratt-Peacock, 12.02.2019
24.01.2016
Jochen Strobel (Hg.)
August Wilhelm Schlegel im Dialog
Epistolarität und Interkulturalität
Paderborn (Ferdinand Schöningh) 2016

Der von Jochen Strobel herausgegebene Band zielt darauf, die Bedeutung und die Rolle August Wilhelm Schlegels für die deutschsprachige Romantik hervorzuheben und den Philologen, Kritiker, Übersetzer und Literaturhistoriker als einen ihrer Protagonisten zu präsentieren. Damit richtet sich der Band gegen eine in der Literaturgeschichtsschreibung und der germanistischen Forschung bis in die Gegenwart virulente Abwertung Schlegels und geht mit einer Reihe von Veröffentlichungen konform, die Schlegel einen prominenten Platz erstreiten wollen. Zu diesen gehören die vom Herausgeber gemeinsam mit York-Gothart Mix 2010 veröffentlichte Sammlung „Der Europäer August Wilhelm Schlegel. Romantischer Kulturtransfer – romantische Wissenswelten“ und die gerade erschienene Biographie von Roger Paulin „The Life of August Wilhelm Schlegel. Cosmopolitan of Art and Poetry“ (Cambridge 2016).

Die Aufwertung des älteren Schlegel erfolgt im vorliegenden Band durch die Betonung seiner kommunikativen Kraft und Wirkung. Sie wird in zwei den Band flankierenden Beiträgen theoretisch durch einen praxeologisch orientierten Zugang abgesichert – jenes kulturwissenschaftliche Paradigma, das davon ausgeht, dass Wissen in sozialen Handlungen aufgehoben und fortgeschrieben wird. August Wilhelm Schlegel erscheint im Beitrag von Kai Kauffmann als „tatkräftigster“ und „wirkmächtigster Schriftsteller unter den Frühromantikern“ (9). Gegen das ausführlich nachgezeichnete klischeehafte Negativbild vom wenig schöpferischen Schlegel betont Kauffmann, dass sich in Praktiken wie dem Schreiben von Kritiken, dem Halten von Vorlesungen, dem Übersetzen, Kommentieren und Edieren philologische Tätigkeiten mit theoretischer Reflexion und ästhetischer Produktivität verbanden. Bis in ihre Struktur hinein sei den Texten Schlegels eine Ausrichtung auf konkrete Handlungs- und Wirkzusammenhänge anzumerken, eine Struktur, die die praktische Nutzanwendung nahelegte. So konnten etwa die „Briefe über Poesie, Silbenmaß und Sprache“ (1795) zur Grundlage für Schlegels metrische Beratung Goethes bei gemeinsamen Spaziergängen werden.

Auch Jochen Strobel erklärt Schlegel zu einem Vertreter der „romantischen Praxis“ und widmet sich in seinem Beitrag dem Bonner „Professor und Verwaltungsbürokraten“ – arbeitete Schlegel doch über 20 Jahre als professor litterarum elegantiorum an der 1818 neu gegründeten Universität. Anhand der Korrespondenz mit dem Kurator Philipp Joseph Rehfues, zuständig für die Durchsetzung staatlicher Interessen und die Kontrolle der Universität, zeigt Strobel, wie sich romantische Positionen und Formen des Austausches in die Kommunikation zweier Amtspersonen schieben. So klagt Schlegel zweckfreie Forschung, Internationalität und Interdisziplinarität ein und verteidigt einen Kulturstaat, der nicht im reinen Verwaltungsstaat aufgehen solle. Vor allem deutet Strobel die Beziehung der Korrespondenzpartner als eine die institutionellen Rollen überwölbende romantische Praxis des Austausches – beispielsweise über Veröffentlichungen der Beteiligten: „Uebrigens,“ schreibt Rehfues, „kann ich den Wunsch nicht unterdrücken, daß Ew. Hochwohlgeboren auch an die Ordnung einer Gesammt-Ausgabe Ihrer deutschen Schriften denken möchte, die so wesentlich auf unser Aller Bildung eingewirkt haben“ (224).

Briefe erscheinen im vorliegenden Band als eines der zentralen kommunikativen Medien des Romantikers August Wilhelm Schlegel. Daher bilden die Beiträge zu diesem Werkkomplex einen wichtigen Bestandteil des Bandes. Die Analysen können dabei auf die 2012 begonnene Digitalisierung und elektronische Edition der Korrespondenz August Wilhelm Schlegels zurückgreifen, die von der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, der Philipps-Universität Marburg und dem Trier Center for Digital Humanities unternommen und von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziert wird.

Ein Beitrag von Jochen Bär beschäftigt sich allgemein mit dem „semantisch-pragmatischen Konzept ‚Brief‘ in der ‚Romantik‘“ und wertet ein digitales Quellenkorpus hinsichtlich der Frage aus, was Autoren und Autorinnen der Jahrzehnte um 1800 über Briefe aussagen. Ziel ist eine Rekonstruktion der Briefkultur oder Praxis des Briefeschreibens um 1800. Claudia Bamberg untersucht „August Wilhelm Schlegel und das Briefnetzwerk seiner Familie“, einen bisher weitgehend unbekannten Gegenstand, hatte doch Josef Körner in seinen wegweisenden Brief-Editionen („Briefe von und an August Wilhelm Schlegel“, „Krisenjahre der Frühromantik. Briefe aus dem Schlegel-Kreis“) nur wenige Familien-Briefe gedruckt. Die Familienkorrespondenz grenzt sich in ihrer Vertrautheit und Intimität von anderen Netzwerken des europaweit tätigen Schlegel ab. Die Privatperson wird aber auch hier nur indirekt sichtbar, da die Briefe August Wilhelm Schlegels zum Teil wohl durch Vernichtung weitgehend fehlen. Stefan Knödler äußert sich „Zum Briefwechsel zwischen August Wilhelm Schlegel und Madame de Staël“. Er beschäftigt sich mit einer Konstellation, die für den Tradierungsprozess der Romantik von außerordentlicher Bedeutung ist, verweist aber auch hier auf die lückenhafte Quellenlage – hier fehlen die Briefe Mme de Staëls –, die es nur in Ansätzen ermöglicht, zu rekonstruieren, worüber und in welcher Form sich die Gesprächspartner ausgetauscht haben.

Es bleiben weitere Beiträge zu nennen, die sich dem interkulturellen Vermittler August Wilhelm Schlegel widmen: Jürgen Hanneder betrachtet aus fachgeschichtlicher Perspektive Schlegel als „ersten Indologen“ und beleuchtet dessen impulsgebende Bedeutung für den Sanskrit-Druck, die kritische Edition von Sanskrit-Texten und die Übersetzungstechnik. Raphaela Braun widmet sich dem „Literaturvermittler in Spanien und Deutschland“. Unter keines der titelgebenden Schlagworte „Epistolarität“ und „Interkulturalität“ lassen sich die Beiträge von Héctor Canal („August Wilhelm Schlegel und Sophie Bernhardis ‚Variationen‘ als poetische Quintessenz der Frühromantik“) und Wolfgang Bunzel subsumieren, denn beide kehren zum poetischen Bereich im engeren Sinne zurück: Bunzel untersucht den Kontext des von Schlegel und Tieck für das Jahr 1802 herausgegebenen Musen-Almanachs und versteht diesen als „Gruppenmanifest“ (130), als Sammlung ästhetisch beispielgebender Texte des Jenaer Kreises, als eine strategische Publikation also, die Schlegels aktives Interesse an der Positionierung und Wirkung der Romantik belegt. Insgesamt ist der Band ein wichtiger Baustein zur Würdigung August Wilhelm Schlegels und der Tatsache, dass es nicht allein darauf ankommt, was einmal gedacht wurde, sondern auch wie Wissensbestände und ästhetische Verfahrensweisen tradiert, wie sie in diskursive Prozesse und in praktisches Handeln eingespeist werden.

Sandra Kerschbaumer, 24.01.2019
24.01.2016
Paul Hamilton (Hg.)
The Oxford Handbook of European Romanticism
Oxford (Oxford University Press) 2016

»Wir suchen überall das Unbedingte und finden immer nur Dinge«, versuchte Novalis einst, das Wesen der Romantiker zu beschreiben. Ein Handbuch wie das vorliegende ist nun ein ganz und gar unromantisch’ Ding, viel zu dinghaft. Paul Hamilton, Professor für englische Literatur in London und Autor verschiedener Romantik-Studien wie zuletzt »Realpoetik: European Romanticism and Literary Politics« (2013), lässt sich auf solche philosophischen Untiefen oder Definitionsversuche indes gar nicht erst ein. Er gliedert die Aufsatzsammlung pragmatisch in zwei Teile: »Languages« (geographisch geordnet, 31 Texte) – in der Reihenfolge Frankreich (acht Texte), Deutschland (zehn Texte), Ungarn (ein Text), Italien (fünf Texte), Spanien (ein Text), Russland (drei Texte), Polen, Skandinavien und Griechenland (je ein Text) – und »Discourses« (disziplinär geordnet, zehn Texte). Da England kein Länderkapitel enthält, sucht das Handbuch die kontinentale Perspektive bewusst – wie Hamiltons knappe Einleitung kundgibt, gar als absichtsvolles Pendant zur boomenden, wenn auch hermetischen Forschungskonzentration auf den »British Romanticism« (S. 1). (Angesichts der aktuellen Austrittbemühungen aus der Europäischen Union mutet die Ausklammerung Englands aus einem mit »European Romanticism« betitelten Band zwar etwas merkwürdig an, das ist aber sicher unbeabsichtigt.) Statt des britischen Beitrags zur europäischen Romantik wird zumindest die europäisch-romantische »idea of Britain« (S. 807ff.) einbezogen. Ganz schlüssig ist die Entscheidung nicht.

Romantik versteht Hamilton als ein sich in Zentren, Regionen und Nationen, von einzelnen literarischen Akteuren getragenes Ereignis, das europäisch Wirkung zu entfalten und Diskurse anzuregen vermochte. Auf diese Weise umgeht das Handbuch eine utopische chronologische Gesamtperspektive ebenso wie die Differenzierung in einzelne romantische Genres (vgl. S. 2), um stattdessen interdisziplinäre und komparatistische Zugriffe zu erproben (S. 3f.). Dabei soll in den Diskurs-Kapiteln stets auf die geographischen Einzel-Kapitel reflektiert werden, um Adaptionen und Rezeptionen offenzulegen (S. 4–6). Entsprechend wird die europäische Romantik von Hamilton als omnidirektional ausgreifend, aber epochal begrenzt verstanden, da sie zwar auch nach den 1840er Jahren Anteil an einer (wie auch immer beschreibbaren) Moderne hatte, doch keine Kontinuität über die Jahrhundertmitte hinaus, geschweige denn bis heute ausprägte. Das hätte vielleicht den Rahmen gesprengt, nimmt dem Phänomen allerdings viel von seiner Aktualität, denn dass »das Romantische« mehr ist als nur ein zeitgeschichtliches Ereignis und bis heute immer wieder neuen Anverwandlungen unterliegt, wird mittlerweile in vielen Disziplinen fruchtbar diskutiert. Das Kompendium kommt daher – in guter Tradition der renommierten Oxford-Handbooks – recht altmodisch daher, retrospektiv-resümierend statt progressiv-vorausdenkend. Modische »turns« spielen hier ebenso wenig eine Rolle wie mediale oder performative Aspekte. Immerhin wendet es, was für dieses Format keineswegs selbstverständlich ist, den Blick mehrfach über den ehemaligen eisernen Vorhang gen Osten, wenn neben einem größeren Russland-Abschnitt auch Polen und Ungarn zu den romantischen Ländern zählen.

Eben hier – abseits der Akteur-bezogenen Kapitel, die bekannte Protagonisten und Quellen der Romantik vorstellen – liegen die Stärken des Handbuchs. Man benötigt es kaum, um sich über die Jenaer Frühromantiker (Maike Oergel), Chateaubriand (Jean-Marie Roulin) oder Goethe (Angus Nicholls, Stefan Uhlig) zu informieren, zumal in diesen Texten neuere außer-englischsprachige Forschungsliteratur oft nur unzureichend bis gar nicht rezipiert wird und sie damit hinter aktuelle Standards zurückfallen. Dagegen enthalten die über 250 Seiten zu Ungarn, Italien, Spanien, Russland, Polen, Skandinavien und Griechenland viel Neues und Bemerkenswertes und ergänzen das romantische europäische Panorama um wesentliche Facetten – nicht zuletzt, weil sich die Romantik hier oftmals als »verspätetes« Ereignis des späten 19. oder frühen 20. Jahrhunderts zeigt und damit ihr Aktualisierungspotenzial indirekt doch wieder unter Beweis stellt. So berichtet Richard Aczel von intensiven Schiller-Lektüren im Ungarn des späten 18. Jahrhunderts (S. 361ff.) und poetischen Annäherungen an das Sentimentalische durch Mihály Csokonai (1773–1805), die der Dichter zugleich in einem Essay über ungarische Prosodie reflektiert und somit zu einer der Gründerfiguren der frühromantischen Lyrik in Ungarn avanciert (S. 363). Die Kollision des Sentimentalen mit der Idee nationaler Erhebung war entsprechend vorprogrammiert und befeuert die Diskurse um das Romantische in Ungarn bis heute. Auch die russische Literatur des späten 18. Jahrhunderts, die Andrew Kahn in den Blick nimmt, kann durch verbesserte Bedingungen in Presse- und Publikationswesen einen signifikanten Aufschwung verzeichnen (S. 494). Die Autoren entdecken nun Empfindung und Subjektivität für sich, Nikolai Karamsin (1766–1826) versucht dies – bemerkenswert ähnlich wie Herder – zuerst in einem Reisebericht, den 1792 veröffentlichten »Pis’ma russkogo puteshestvennika« (»Briefen eines russischen Reisenden«), eine philosophische Grand Tour durch Europa. Auch sein 1803 entstandenes Romanfragment »Rytsar’ nashego vremeni« (»Ritter unserer Zeit«) stellt innere, emotionale Prozesse der Protagonisten in den Fokus. Da im Russischen Worte wie »Bewusstsein« oder »rührend« fehlen, entwickelt Karamsin Neologismen, um den neuen sprachlichen Anforderungen gerecht zu werden. Insgesamt profitiert die frühromantische russische Literatur, die auf keine eigene Literaturtheorie oder -philosophie aufbauen kann, ebenso von europäischen Lektüren wie eigenen Themenfeldern, wie der Romantiker Alexander Pushkin – diskutiert von Luba Golburt – »par excellence« vorführt (S. 514). Dass die russische Romantik der 1820er und 1830er Jahre sodann eng an einzelne Regionen (Kaukasus, St. Petersburg) und Epizentren russischer Identitätsfindungsprozesse gebunden ist (S. 533ff.), belegt Katya Hokanson eindrücklich. In Polen wiederum war die romantische Literatur stets von dem Spannungsfeld des Freiheitswunsches und der Fremdbestimmung durch Russland grundiert (S. 557ff.).

Die Diskurskapitel zur Geographie (Roberto Dainotto, Paul Stock), Politik (Douglas Moggach), Wissenschaft (Benjamin Dawson), Medizin (Leon Cahi) und Religion (Thomas Pfau) sind weniger mit den Einzel-Kapiteln vernetzt als angekündigt, bieten indes einen guten Einstieg in die jeweilige Thematik. Die letzten Texte zur »Celebrity Culture« (Angela Esterhammer) und Sprachtheorie (Jan Fellerer) berühren das genuin Romantische kaum, sondern beschreiben historische Phänomene. Von den außerliterarischen Künsten wird allein das Theater der »Romantic period« mit einem einzelnen Artikel (Diego Saglia) gewürdigt.

Natürlich darf man fragen, ob die Europäische Romantik tatsächlich ein Phänomen ist, in dem Musik, Bildende Kunst und Architektur nicht vorkommen. (Die Komponisten Schubert und Schumann werden nur je einmal erwähnt, Beethoven romantisches Spätwerk indes ebenso wenig wie die Musik Mendelssohns oder Webers.) Und freilich ist dem Band hier und dort auch eine gegenstandstypische Überzeichnung anzumerken, etwa wenn der romantische Trend zur Selbstreflexion als »frenetisch« (Francesco Manzini) und damit aus einer Rückschau als beinahe krankhaft beschrieben wird. Ein bisschen mehr Empathie mit dem Gegenstand wäre hier wünschenswert gewesen. Dass diese sich nur selten einstellt, mag an der historischen Distanzierung und epochalen Rubrizierung liegen, die dem Buch konzeptionell zugrunde liegt. Es verpasst damit, dem Leser über die zweifellos spannenden Einzelphänomene hinaus einen Gesamteindruck vom dem zu vermitteln, was Romantik um 1800 in Europa war, sein wollte und sein konnte. Man findet in dem Handbuch in der Tat eine Menge »Dinge«, wie Novalis sagen würde – nach dem Unbedingten braucht man gar nicht erst zu suchen.

Christiane Wiesenfeldt, 24.01.2019
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