03.09.2026

Faust und die Romantik. Interdisziplinäres Symposium, Knittlingen

Bewerbungsschluss: 15. Oktober 2026

Datum der Tagung: 24.–26. September 2027
Deadline (Abstract): 15. Oktober 2026
Ort: Faust-Museum/Faust-Archiv Knittlingen, Kirchplatz 2, 75438 Knittlingen
Organisation: apl. Prof. Dr. Manuel Bauer (Marburg), Dr. Lea Reiff (Würzburg)

Dass Johann Wolfgang Goethes 1790 erschienenes Faust-Fragment im frühen 19. Jahrhundert ein regelrechtes „Faust-Fieber“ (Manger 2014, 18) auslöste, gehört nicht gerade zum Kernbestand literaturwissenschaftlichen Schulwissens. Obwohl das Erscheinen dieses Textes von Zeitgenossen als „epochales Ereignis“ (Bauer 2018, 167) wahrgenommen wurde und eine ganze Reihe weiterer Bearbeitungen nach sich zog, sind die Geschichte des Faust-Stoffs und die Vielfalt seiner Adaptionen, Abwandlungen und Fortschreibungen zur Zeit der Romantik bislang kaum und erst recht nicht systematisch erforscht (zum Thema s. vor allem Bauer 2018, Kap. 8; Borchmeyer 1989; Manger 2014; Riedl 2005). Dabei gilt das frühe 19. Jahrhundert mit Blick auf die Schriften Friedrich und August Wilhelm Schlegels sowie Friedrich Wilhelm Joseph Schellings nicht nur als ‚Geburtsstunde der Faustforschung‘; hier beginnt auch die Karriere Fausts als deutscher Nationalmythos (vgl. Bauer 2018, 170).

Dreh- und Angelpunkt ist Goethes Bearbeitung in ihrer frühesten, fragmentarischen Druckfassung. So schreibt Friedrich Schlegel in Über das Studium der Griechischen Poesie: „Ja wenn der Faust vollendet wäre, so würde er wahrscheinlich den Hamlet, das Meisterstück des Engländers, mit welchem er gleichen Zweck zu haben scheint, weit übertreffen“ (Schlegel [1795/97] 1979, 260). Goethe wird als besserer Shakespeare zum Exponenten ‚moderner‘ Poesie, sein Faust – noch vor Publikation des ersten Teils (1808) – zum „eigentümlichsten Gedicht der Deutschen“ (Schelling: Vorlesungen, 120), zum deutschen Nationaldrama und der philosophischen Tragödie schlechthin erklärt. Da Schelling auch feststellt, dass die Deutschen dem gefallenen Engel Lucifer, „ganz besonders viel Obligation schuldig“ seien, „da wir ihm unsere mythologische Haupt­person, den Doktor Faust, verdanken“ (Schelling: Philosophie, 265f.), rücken außerdem die mit dem Faust-Stoff untrennbar verbundenen Teufelsfiguren in den Blick, die ihrerseits auf literarische Vorläufer rekurrieren. 

Darüber hinaus verharrt die produktive Faust-Rezeption der Romantik nicht bei einer Auseinandersetzung mit Goethes Tragödie. Auch ältere Stoffschichten erhalten Aufmerksamkeit, was es wiederum erlaubt, sich von Goethes spezifischem Zugriff abzusetzen. So beschäftigen sich von Achim von Arnim (Auch ein Faust [1963 a. d. Nachlass]; Die Kronenwächter, Bd.1, 1817 [Bd. 2, 1854 a. d. Nachlass]; Vorrede zu Wilhelm Müllers Marlowe-Übersetzung, 1818) und Adelbert von Chamisso (Faust: Ein Versuch, 1804; Peter Schlemihl, 1814) über Ludwig Tieck (Anti-Faust oder Geschichte eines dummen Teufels, [1801] 1855) bis hin zu August Klingemann (Faust: Ein Trauerspiel in fünf Aufzügen, UA 1811) zahlreiche Schriftsteller der Romantik mit dem Fauststoff. Selbst die Liedersammlung Des Knaben Wunderhorn enthält ein thematisch einschlägiges Volkslied (Doktor Faust, 1805).

Zudem ist die Faust-Rezeption der Romantik keinesfalls auf den deutschsprachigen Raum beschränkt, wie die Faust-Figuren Lord Byrons in Manfred: A Dramatic Poem (1817), Cain: A Mystery (1821) und The Deformed Transformed (1822) oder Gérard de Nervals Übertragung von Goethes Faust: Der Tragödie erster Teil ins Französische (1827), die nicht zuletzt Hector Berlioz zur musikalischen Bearbeitung des Stoffs als Légende-dramatique unter dem Titel La damnation de Faust (UA 1846) anregte, zeigen. Die Behauptung, dass in der ‚altdeutschen‘ Figur des Schwarzmagiers Faust so etwas wie ein deutscher ‚Nationalcharakter‘ Gestalt gewinne (s. dazu Bauer 2018, S. 169), wird durch die europäische Dimension der Rezeption infrage gestellt – eine Beobachtung, die noch deutlicher hervortritt, wenn man verwandte Figuren wie Luzifer/Satan und Prometheus in die Betrachtung einbezieht (vgl. etwa Wilhelm Hauffs Mitteilungen aus den Memoiren des Satans, 1825/26; Mary Shelleys Frankenstein: or, The Modern Prometheus, 1818). Der literarische Kommunikationsprozess ist keineswegs einseitig: Goethe selbst ist sich der transnationalen Rezeption bewusst und nimmt zu Byrons Dramen und Nervals Übertragung explizit Stellung (s. dazu Burwick 2016, S. 62f.). Im posthum erschienenen zweiten Teil seines Faust (1833) setzt er Byron in Gestalt von Fausts und Helenas Sohn Euphorion sogar ein literarisches Denkmal (vgl. ebd., S. 62). Nicht zuletzt greift Goethe auch den „Romantik“-Begriff seiner Zeit auf, wenn er bspw. den Helena-Akt als „klassisch-romantische Phantasmagorie“ veröffentlicht.

Angesichts der Vielzahl von Bearbeitungen und deren intertextueller, ja intermedialer Vernetztheit nimmt es Wunder, dass die romantische Beschäftigung mit Faust bislang nicht stärker in den Fokus der Forschung geraten ist. Erste Schritte zur Füllung dieser Leerstelle wollen wir im Rahmen des interdisziplinären Symposiums „Faust und die Romantik“ im September 2027 im Faust-Museum/Faust-Archiv Knittlingen unternehmen. Mögliche Themenfelder sind u. a.:

  • Literarische Faust-Bearbeitungen der Romantik (einzelne Texte, aber auch übergreifende, vergleichende bzw. komparatistische Zugänge)
  • Verbindungslinien romantischer Faust-Adaptionen zu Aufklärung und Sturm und Drang, aber auch zu Biedermeier und Vormärz (bspw. Heine, Lenau)
  • Philosophische / theoretische Deutungen und Indienstnahmen des Stoffes im Zuge der Romantik bzw. des Deutschen Idealismus 
  • Anerkennungs-, Konkurrenz- und Überbietungsverhältnisse zwischen romantischen Faust-Bearbeitungen und Goethes Tragödie
  • Frühe Ausprägungen der Stoffgeschichte und die romantische Hinwendung zur ‚Volkspoesie‘
  • Romantik-Bezüge in Goethes „Faust“ (erster und zweiter Teil)
  • Internationale und intermediale Aspekte der Faust-Rezeption (Bildende Kunst, Oper, …)

Wir freuen uns über Beitragsvorschläge aus der germanistischen Literaturwissenschaft, den fremdsprachlichen Philologien sowie der Kunst- und Musikwissenschaft. Die Vorträge sollten auf eine Dauer von 30 Minuten mit anschließender Diskussion von 15 Minuten angelegt sein.

Bitte senden Sie bei Interesse ein Abstract im Umfang von 300 Wörtern/2.500 Zeichen und eine kurze Biografie in einer PDF per E-Mail an manuel.bauer(at)uni-marburg.de und lea.reiff(at)uni-wuerzburg.de. 

Deadline ist der 15. Oktober 2026.

Reise- und Übernachtungskosten können voraussichtlich übernommen werden. Eine Publikation der Beiträge in einem Sammelband ist vorgesehen.


Literatur

Bahr, Eberhard: The Chapbook of Doctor Faustus as Source and Model. In: Faust Adaptations from Marlowe to Aboudoma and Markland. Hrsg. von Lorna Fitzsimmons. West Lafayatte, Indiana: Purdue University Press, 2016. S. 12–30.

Bauer, Manuel: Der literarische Faust-Mythos. Grundlagen – Geschichte – Gegenwart. Stuttgart: J. B. Metzler, 2018.

Borchmeyer, Dieter: Gerettet und wieder gerichtet. Fausts Wege im 19. Jahrhundert. In: Faust through Four Centuries. Retrospects and Analysis. / Vierhundert Jahre Faust. Rückblick und Analyse. Hrsg. von Peter Boerner und Sidney Johnson. Tübingen: Niemeyer 1989. S. 169–183.

Burwick, Frederick: Lord Byron’s Faustian Plays Manfred (1817), Cain (1821), and The Deformed Transformed (1822). In: Faust Adaptations from Marlowe to Aboudoma and Markland. Hrsg. von Lorna Fitzsimmons. West Lafayatte, Indiana: Purdue University Press, 2016. S. 46–65.

Manger, Klaus: Faust-Rezeption im 19. Jahrhundert. In: Faust im Wandel. Faust-Vertonungen vom 19. bis 21. Jahrhundert. Hrsg. von Panja Mücke und Christiane Wiesenfeldt. Marburg: Tectum, 2014. S. 10–40.

Riedl, Peter Philip: Die ‚wahrhafte Tragödie der neuen Zeit‘. Romantische Faust-Lektüren. In: Aurora. Jahrbuch der Eichendorff-Gesellschaft 65 (2005). S. 107–125.

Schelling, Friedrich Wilhelm Joseph: Philosophie der Kunst. In: Ders.: Ausgewählte Schriften in 6 Bänden, Bd. 2. 1801–1803. Hrsg. von Manfred Frank. 2. Aufl. Frankfurt a. M.: Suhrkamp,1995. S. 181–565.

Schelling, Friedrich Wilhelm Joseph: Vorlesungen über die Methode (Lehrart) des akademischen Studiums. Neu hrsg. von Walter E. Erhardt. 2. Aufl. Hamburg: Meiner 1990.

Schlegel, Friedrich: Über das Studium der Griechischen Poesie. In: Kritische Friedrich-Schlegel-Ausgabe, Bd. III. Charakteristiken und Kritiken II (1802–1829). Eingel. u. hrsg. v. Ernst Behler. München [u. a.]: Schöningh, 1979. S. 308–322.