Die Gespräche. Über Kunst. Um 1800.
Mit der irritierten Frage der Kunstrichter im Parterre, was das denn sei, ein Kater der spricht, nimmt Ludwig Tiecks „Kindermährchen“ vom Gestiefelten Kater Fahrt auf. Das Bühnenstück macht das Sprechen zum Thema. Bereits die Regieanweisung zur ersten Szene lautet: „Alle reden durcheinander“. In der Folge entwickelt sich ein wildes Miteinander-, Übereinander- und Dazwischen-Sprechen der Akteure auf der Bühne, dem Publikum und dem Autor. Die Liste der Mitwirkenden verzeichnet nahezu vierzig Beteiligte. Alle haben etwas zu sagen. Man empört sich lautstark, flüstert, kritisiert, lästert munter drauflos. Das Werk ist mehr als eine Persiflage auf das traditionelle Theater und seine einstudierten Abläufe. Es liest sich als ein Lehrstück ohne Lehrsätze, ein Lehrstück über den Umgang mit einer Kunstform, die qua Dialoge einen Illusionsraum erzeugt, diesen aber durch die Sprache selbst wieder auflöst.
Die Tiecksche Komödie von 1797 bildet den Prolog zu einer vielstimmigen Auseinandersetzung mit der Dichtung und den bildenden Künsten um 1800. Im Verlauf von knapp zwei Jahren entsteht unter dem Rubrum „Gespräch über ….“ ein weites Diskursfeld zur frühromantischen Kunst. Jena spielt dabei mit den Protagonisten August Wilhelm Schlegel (über Gemälde und Skulptur, 1798/99), Johann Wolfgang Goethe und Friedrich Schiller (über Gemälde und Zeichnung, 1799) und Friedrich Schlegel (über die Poesie, 1800), eine bedeutende Rolle. Die Beiträge sind Schlüsseltexte zur frühromantischen Ästhetik; jeder einzelne ist demzufolge ausführlich beschrieben und analysiert worden. Hier soll der Versuch unternommen werden, diese Kunstgespräche als miteinander kommunizierende und konkurrierende Konzepte vorzustellen. Der Beitrag versteht sich als ein Impuls für quellengestützte Konstellationsforschung. Allen Texten gemeinsam ist die Abkehr von einem monofokalen Blick auf das Werk. Die Experimentierfreude und die Lust, Konventionen zu brechen, erzeugen ganz neue Darstellungsformen mehrdimensionaler Wirklichkeitsaneignung. Als ein Beispiel für paradoxe Bild-Sprach-Konstellationen sei aus den Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders (1797) das Kapitel Zwey Gemähldeschilderungen genannt. Die Bilder Die heilige Jungfrau mit dem Christuskinde und der kleine Johannes und Die Anbetung der drey Weisen aus dem Morgenlande demonstrieren, wie eine Verkehrung der Verhältnisse zur Umkehr der Beziehungen zwischen Bild und Betrachter führen können: Es sind die dargestellten Personen in den Gemälden, die mehrstimmig auf den Betrachter einreden.[1]
August Wilhelm Schlegel waren die Tieckschen Texte vertraut. Er bewunderte die Polyfokalität des William Lovell (1795/96), kannte die Herzensergießungen und rezensierte in der Allgemeinen Literatur-Zeitung (ALZ), Nr. 333 vom 19. Oktober 1797 das Theaterstück vom Gestiefelten Kater, welches in der „wirklichen Welt“ spiele. Allerdings wurde ihm erst später bekannt, wer sich hinter dem Pseudonym Peter Leberecht verbarg. Zu Tieck nahm er im Frühjahr 1798 freundschaftlichen Kontakt auf. Wenige Monate danach bemühten sich die Brüder Schlegel jedoch vergeblich, den Dichter als Autor für ihre Zeitschrift Athenäum zu gewinnen.
Im Sommer wird die Idee für eine längere Abhandlung über einige Bilder der Dresdener Gemäldegalerie gereift sein. Unter dem, die Bild-Sprache-Beziehung äußerst knapp kennzeichnenden, Titel: Die Gemählde. Gespräch erschien der Beitrag von August Wilhelm Schlegel 1799 im 2. Band des Athenäums.[2] Drei Personen, der Künstler Reinhold, der Kunstgelehrte Waller und Louise, die das Gespräch lenkt, um kunsthistorische Erläuterungen ergänzt und die Ergebnisse in Briefen an ihre Schwester festhält, besuchen die Königliche Gemäldegalerie, betrachten ausgewählte Bilder und Antiken, begeben sich danach an das Elbufer und rufen sich angesichts der realen Natur die eben noch präsenten Landschaftsbilder und andere Kunstwerke aus der Erinnerung zurück. Dabei werden grundsätzliche Fragen zum Verhältnis von Illusion und Wirklichkeit, von den Grenzen der Darstellung und der Wahrnehmung sowie zum Vorstellungsvermögen diskutiert.
In der Literatur zum Gemäldegespräch bleiben die Rekonstruktionen dieser Zusammenkunft Ende August 1798 durchaus widersprüchlich.[3] Sowohl über die beteiligten Personen, ihre scheinbar gemeinsame Reise von Jena nach Dresden, als auch über den Zeitpunkt und das Gespräch an den Hängen der Elbe gehen die Darstellungen auseinander. Dabei hat es sich wahrscheinlich zunächst nicht um ein organisiertes Unternehmen gehandelt. Bereits am 12. Mai 1798 treffen Caroline Schlegel und Johann Diederich Gries aus Jena in Dresden ein. Zu dieser Zeit hält sich dort Jean Paul für einige Tage auf. Sieben Wochen später, am 30. Juni folgen August Wilhelm und Friedrich Schlegel. Sie wollen die Bilder in der berühmten Gemäldegalerie studieren. Von einem gerade aus Greifswald eintreffenden, noch unbekannten Maler namens Caspar David Friedrich nehmen die Vier ebenso wenig Notiz wie von den an der Elbe zahlreich und prominent vertretenen Künstlern.[4] Erneut vergehen mehrere Wochen, bis sie interessierte Kunstverständige aus ihrem Freundeskreis nach Dresden zu gemeinsamen Bildbetrachtungen einladen. Um Schleiermacher werben sie vergeblich. Friedrich Schlegel berichtet ihm vor Mitte August 1798: „Schelling und Hardenberg werden erwartet. Es wird also so zu sagen ein philosophischer Convent seyn. Wenn Du nur dabei wärst!“[5] Auch Hendrik Steffens ist – obwohl gelegentlich kolportiert – nicht dabei. Am 18. August trifft Schelling ein, während Novalis aus Termingründen einen mehrtägigen Aufenthalt absagen muss und seine Teilnahme an eine Begegnung mit Schelling bindet. Schließlich kommt er nolens volens übers Wochenende vom 25. auf den 26. August aus Freiberg nach Dresden. Inzwischen ist auch Fichte vor Ort. In den folgenden Tagen können die Besucher der Gemäldegalerie die Protagonisten bei ihrem Disput vor den Bildern beobachten. Die einzige verlässliche Schilderung dieses Ereignisses liefert Dora Stock, die Schwägerin Christian Gottfried Körners, in ihrem Brief an Charlotte Schiller vom 29. August 1798:
„Schlegels waren hier, wie du weißt, und haben sich nach unserm Wunsche entfernt von uns gehalten. Sie hatten die Gallerie in Besitz genommen und haben mit Schelling und Gries fast jeden Morgen da zugebracht. Sie schrieben auf und docirten, daß es eine Freude war. […] Du hättest lachen müssen, liebe Lotte, wenn du die Schlegels mit ihm [Fichte] gesehen hättest, wie sie ihn herum schleppten und ihm Ueberzeugung einstürmten.“[6]
August Wilhelm Schlegels Athenäums-Beitrag stilisiert die Ergebnisse des Dresdener Treffens zu einem konzisen Konzept ästhetischer Wahrnehmung und kunstphilosophischen Diskurses. Drei Personen räsonieren über die Meisterwerke der Galerie mit dem Ziel, aus verschiedenen Blickwinkeln ein übergeordnetes Kunstideal zu bestimmen. Einen (kalkulierten?) Widerspruch allerdings können sie nicht vermeiden: das reale Kunstgespräch im Museum kommt ohne die Mitwirkung eines Künstlers aus. Das so sorgsam bedachte Verhältnis von Ideal und Wirklichkeit gerät aus den Fugen, wenn real fünf oder sechs Philosophen und Dichter ohne Beteiligung eines Malers über Bilder sprechen, im Text jedoch der Künstler eine zentrale Rolle einnimmt. Diese Überlegung führt zur am Kunstgespräch beteiligten Figur des Reinhold und bei der Erschließung weiterer Bedeutungsebenen auf eine neue Spur.
Friedrich Schlegels Bezeichnung des Treffens als ein „philosophischer Convent“ gibt die Richtung vor. Der Blick auf das Bild ist der Blick jener Garde junger Philosophen, die um 1800 ganz aktuell um ihre Positionen ringen. Die Parodie eines Kunstgelehrten im Gestiefelten Kater führt den Namen Bötticher, eine Verballhornung des damals noch Weimarer Gymnasialdirektors Carl August Böttiger. Analog dazu liegt im philosophie-nahen Kreise der Dresdener Gesprächsrunde eine Identifizierung des Künstlers Reinhold aus dem Gemäldegespräch mit dem vormaligen Jenaer Professor für Philosophie, Carl Leonhard Reinhold, nahe. Dessen Abkehr von seiner an Kant orientierten Elementarphilosophie und die Hinwendung zu Fichtes Wissenschaftslehre hatte 1797 für großes Aufsehen gesorgt. Auch beide Schlegels sympathisierten mit Reinhold. Friedrich schrieb am 10. März an Novalis: „Mir gefällt alles ganz vortrefflich, wie denn meine Neigung zu F[ichte] immer noch im Zunehmen ist. Daß Reinhold sich zum Fichtismus bekehrt hat, wirst Du wohl schon wissen. Es wird große Sensazion machen“. Und dann am 8. Juni 1797 ebenfalls aus Jena: „Ach könnten wir doch wieder einmal fichtisiren so herzlich, so gemüthlich, so behaglich, wie es einigemahl diesen Winter geschehen ist.“[7] Keine zwei Jahre später, während August Wilhelm das Gespräch zwischen Louise, Waller und Reinhold niederschreibt, muss Fichte wegen seiner angeblich religionskritischen Haltung im Atheismusstreit um seine Professur bangen und schließlich mit Goethes Zustimmung im März 1799 die Universität verlassen.
So programmatisch der Name Reinhold im Gemäldegespräch für den modernen Künstler und seine Weltsicht steht, so kalkuliert tauft August Wilhelm Schlegel dessen Gegenüber auf den Namen Waller. Er wird von Louise „mit seiner kritischen Profession“ als Kunstkritiker eingeführt, der Denis Diderot, Georg Forster und Anton Raphael Mengs zitiert. Nichtsdestotrotz tritt uns der Kunstgelehrte mit dem analytisch-objektiven Blick namentlich als ein christlicher Pilger entgegen. August Wilhelm Schlegel hatte 1797 in der ALZ nicht nur Tiecks Gestiefelten Kater, sondern u.a. auch die ein Jahr zuvor in Braunschweig veröffentlichten Beyträge zur weitern Ausbildung der deutschen Sprache von einer Gesellschaft von Sprachfreunden rezensiert und dabei ausdrücklich auf den „veralteten“ Begriff „Waller“ als ein „kirchliches Wort“ für den Teilnehmer einer Wallfahrt hingewiesen.[8]
Der in Wien zum erzkatholischen Priester ausgebildete Reinhold, der sich später als Philosoph der protestantischen Aufklärung zuwendet, debattiert in der literarischen Figur eines praktizierenden Malers mit einem scheinbar rationalistisch-aufgeklärten Kunstkritiker im Gewand eines katholischen Pilgers. Diese Verschlingungen Tieckscher Provenienz bilden im Gemäldegespräch über die Erzählebene hinaus einen systemrelevanten Denkraum zwischen Praxis und Theorie, zwischen Kunst und Kritik. Claudia Stockinger verweist auf diese Doppelnatur der Frühromantik und nennt als Beispiel die Nähe von Tiecks Darstellungsverfahren zu Friedrich Schlegels Ironie-Begriff.[9] Letzterer schreibt in einem Brief vom 5. Dezember 1797 an seinen Bruder „[…] daß die Verschiedenheiten sich einigermaßen gruppieren, und wie mehrere Stimmen oder Instrumente in der Musik harmoniren“.[10] Das Modewort von der Sympoesie macht die Runde. In schneller Folge brachten Friedrich Schlegel und Novalis neue Wortschöpfungen ins Spiel: Sym-philosophie, -existenz, -physik, -organisation, -evolution, -praxis. Das Gemäldegespräch schildert nicht nur den Austausch von Argumenten, es wirkt über die narrative Ebene hinaus zum Modell eines frühromantischen Konzepts des produktiven Widerspruchs.
Um den 28. August 1798 wird sich der „philosophische Convent“ nach wenigen Tagen der Zusammenkunft aufgelöst haben. Die Schlegels verließen Dresden; Schelling und Gries blieben noch bis 30. Oktober. In den folgenden Monaten verfasste August Wilhelm dann den Text über das Gemäldegespräch in Jena. Nur wenige Straßenzüge entfernt traf sich derweil Goethe am Dienstag, den 20. November 1798 mit Schiller in dessen Gartenhaus zu Gesprächen über einen Beitrag für die von Goethe und Johann Heinrich Meyer herausgegebene Zeitschrift Propyläen. Sie entwarfen die Grundzüge für ein „Schema über die verschiedenen Kunstfertigkeiten“, mit dem dann federführend Goethe befasst war. Etwa zeitgleich brachten also Goethe und Schlegel ihre Texte zu Papier. Im Sommer 1799 erschien der 2. Band der Propyläen mit Goethes Beitrag Der Sammler und die Seinigen als ein „kleiner Roman“ in acht fiktiven Briefen über einen Sammler und dessen Familie.[11] Der Hausherr erzählt die Geschichte seiner Gemälde- und Graphiksammlung; daraus entwickelt sich unter den Anwesenden ein Gespräch über ästhetische Kategorien und die Bildung eines verbindlichen Kunstschemas. Ganz nach dem Muster des Gemäldegesprächs und womöglich als dessen Gegenentwurf, zumindest aber als eine Reaktion darauf, wird der Wechsel vom betrachteten Kunstwerk zum Betrachten des Kunstwerks vollzogen. Nicht das Bild, die Zeichnung oder der Kupferstich stehen im Mittelpunkt, sondern eine Anzahl von Liebhabern, die einen jeweils anderen Standpunkt zum Werk einnehmen. So entsteht eine Vielstimmigkeit, die gegenüber August Wilhelm Schlegels Konstellation nicht nur aus drei, sondern aus mindestens elf Personen besteht.
Anwesend sind neben dem Sammler und dessen Nichten an den „zwei vergnügten Tagen der Zusammenkunft“ ein Philosoph, ein später hinzutretender „Fremder“, ein Künstler in Begleitung weiterer Besucher, eine Dame mit Begleitung, ein Hofmeister sowie der Unterkustos der Sammlung. Diese „Kunstliebhaber“ werden nach Persönlichkeitsmerkmalen charakterisiert und kategorisiert. Der für Goethes Abhandlung zentrale Begriff des Liebhabers kommt bezeichnenderweise auf den 112 Seiten des Schlegelschen Gemäldegesprächs nicht einmal vor. Ohne ersichtliche Notwendigkeit ruft Goethe jedoch wiederholt (in Brief 1 und 3) die Dresdener Gemäldegalerie mit ihren Werken als Referenz für die Sammlung auf. Noch deutlicher nimmt er Bezug auf den Romantikerkreis in Jena, wenn es um die Person des Philosophen geht. Die Skepsis des Sammlers, eines „praktischen [!] Arztes“, gegenüber der „neuen Philosophie“, bei der es sich um „eine Art der Hypochondrie“ (2. Brief) handele, durchzieht den gesamten Text.
Im 6. Brief ergreift der Philosoph selbst das Wort und entschuldigt sich zunächst bei dem strengen Gast, dass er sich in ein „Gespräch über bildende Kunst lebhaft einmischte, da mir das Anschauen derselben fehlt und ich nur einige literarische Kenntnisse davon besitze. […] Von der Poesie der Alten kann ich einige Rechenschaft geben, von der bildenden Kunst habe ich wenig Kenntnis.“ Das ist ein unverhohlener Angriff auf Friedrich Schlegel, der 1797 ein Werk über Die Poesie der Alten veröffentlicht hatte, und gegen die Hypochondristen, die in Dresden am Elbufer sozusagen ins Blaue hinein über die Gemälde theoretisierten. Dem stimmt der strenge Gast zu, der „womöglich nichts von Luftbildern hören möchte“. Goethe wird nicht zuletzt durch Dora Stocks Brief an Charlotte Schiller über den Verlauf der Galeriegespräche informiert gewesen sein. Von Friedrich Schlegel hatte er Anfang Juni 1798 in der Hoffnung auf wohlwollende Aufnahme die erste Abteilung der Poesie der Alten erhalten, doch wie stets begegnete er dem jüngeren Schlegel deutlich kühler als dessen Bruder August Wilhelm.[12] Jener August Wilhelm ließ Goethe am 16. August 1799 ein druckfrisches Exemplar des Athenäum mit dem Gemäldegespräch zukommen,[13] nachdem er kurz zuvor, im Juli, aus Weimar den Propyläen-Band mit Der Sammler und die Seinigen in Empfang genommen hatte. Im Dankesschreiben vom 19. Juli 1799 versicherte er Goethe: „Sie haben uns ein großes Fest damit gemacht, besonders sind wir mit unglaublicher Begierde auf den Briefwechsel des Kunstsammlers und seiner Familie gefallen, und ich sehne mich, mündlich mit Ihnen davon zu sprechen.“[14]
Nur drei Monate später machte erneut ein Gesprächskreis von sich reden: vom 11. bis 15. November trafen sich die kunstgelehrigen Philosophen und Dichter in Jena. Den Kern der Gesprächsrunde bildeten die Teilnehmer der Dresdener Gespräche: die Brüder Schlegel mit Caroline, Schelling, Fichte und Novalis. Darüber hinaus folgten Dorothea Veit und Ludwig Tieck der Einladung. Schleiermacher nahm aus Berlin Anteil. Damit war das Jenaer Romantikertreffen prominenter besetzt als der „philosophische Convent“ im Jahr zuvor.[15] Zum Verlauf und Ergebnis der Versammlung sagen die Quellen wenig. Die Künste spielten keine große Rolle. Der Schwerpunkt lag auf theologischem Terrain. Friedrich Schlegel berichtet Schleiermacher im November 1799: „[H]ier geht’s ziemlich bunt und störend durcheinander – Religion und Holberg, Galvanismus und Poesie“.[16]
So bunt und störend wie das Romantikertreffen aber verliefen jene kunstvollen Gespräche nicht, die Friedrich Schlegel in diesen Novembertagen umtrieben und die er für den 3. Band des Athenäum in eine komplexe literarische Form kleidete. Sie erschienen dort unter dem Titel: Gespräch über die Poesie.[17]
Goethes Schrift Der Sammler und die Seinigen setzt mit Briefen ein. Ihre Verfasser treten mit dem Leser in einen stummen Dialog und regen ihn dabei zu aktiver Teilnahme und zum Nachvollzug ihrer Denkprozesse an. Im Gegensatz zum spontanen Gespräch zwischen den Kunstliebhabern erzeugen die Briefe den Raum für ordnende Reflexionen. Im 6. Brief geht dann der Monolog als Ansprache an die Leser in die Distanz schaffenden Dialoge der Kunstliebhaber über, bevor er am Ende in den Modus der nachträglichen Berichterstattung zurückkehrt. Friedrich Schlegel nimmt mit den beiden Freunden Marcus und Antonio nicht nur Goethes Motiv des hinzutretenden Gastes auf, der dem Verlauf des Gesprächs eine neue Wendung gibt, er erweitert auch dessen Textur, indem er zusätzliche Erzählebenen einflicht. Der stumme Dialog des Briefs – hier über den Roman – und das Gespräch der Kunstliebhaber wird um die Gegenüberstellung realer und gespielter Dialoge, um vorformulierte Reden, um ausführlich argumentierende Abhandlungen und um einen anonymen Ich-Erzähler erweitert.[18] Als Bezug dient Platons Symposion.[19] Eine Besonderheit zeichnet das antike Gastmahl aus: es ist für die Gesprächsteilnehmer um 1800 sowohl literarische Fiktion wie reale Begebenheit.
Diese Doppelnatur kennzeichnet auch die Gespräche über Kunst. Sie existieren und funktionieren als literarische Gattung (Tieck 1797, A. W. Schlegel und Goethe 1799, Fr. Schlegel 1800) und als konkrete Zusammenkünfte (Dresden 1798, Jena 1799). Die Reihe ließe sich beliebig fortführen. Als ein Beispiel realer Unterhaltung sei das Dresdener Galeriegespräch zwischen Schiller und Tieck im August/September 1801 genannt.[20] Literarische Ansprüche erfüllen u.a. Heinrich von Kleists Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden (um 1805), Schleiermachers Die Weihnachtsfeier. Ein Gespräch (1806) oder die spätere Fassung zu Friedrichs Mönch am Meer von Clemens Brentano und Achim von Arnim (1826).[21] Diese Beschreibung fehlt in keiner kunsthistorischen Analyse des Bildes. Der Text ist ebenso kontrovers und vielstimmig seziert worden wie das Gemälde und ist Teil des Bildes, ja selbst zu einem Bild geworden, so wie das Sprechen über Kunst eine eigene Kunstform generierte. Das gesprochene Wort unterscheidet nicht zwischen „Seestück“ und „Sehstück.“ Deshalb existiert zwischen Schrift und Sprache stets ein gewisses Maß an hermeneutischer Unschärfe. In allen hier besprochenen Texten weitet das Gespräch den Deutungsraum, die nachträgliche Verschriftlichung dagegen schafft Klarheit und Ordnung.
Wenn man die Frage nach dem Potenzial eines Dialogs zwischen Literatur und Kunstgespräch um 1800 stellt, dann kommt man an den bislang kaum beachteten regelmäßigen Versammlungen im Hause von Christian Gottfried und Minna Körner nicht vorbei. Hier traf sich die literarische Welt zum Rezitieren, Diskutieren und vor allem zum Streiten mit den Protagonisten der romantischen Schule. Die Einigkeit über die Uneinigkeit gehört zum Wesen frühromantischer Gesprächskultur. Ein gelegentlicher, dabei streitfreudiger Gast war Friedrich Schlegel, der in seinem fiktionalen Gespräch über die Poesie auf diese Tafelrunden im Hause Körner konkret Bezug zu nehmen scheint:
„Ohne Verabredung oder Gesetz fügte es sich meistens von selbst, daß Poesie der Gegenstand, die Veranlassung, der Mittelpunkt ihres Beisammenseins war. Bisher hatte bald dieser, bald jener unter ihnen ein dramatisches Werk oder auch ein andres vorgelesen, worüber dann viel hin und her geredet, und manches Gute und Schöne gesagt ward. Doch fühlten bald alle mehr oder minder einen gewissen Mangel bei dieser Art der Unterhaltung. Amalia bemerkte den Umstand zuerst und wie ihm zu helfen sein möchte. Sie meinte, die Freunde wüßten nicht klar genug um die Verschiedenheit ihrer Ansichten. Dadurch werde die Mitteilung verworren, und schwiege mancher gar, der sonst wohl reden würde. Jeder, oder zunächst nur wer eben am meisten Lust habe, solle einmal seine Gedanken über Poesie, oder über einen Teil, eine Seite derselben von Grund des Herzens aussprechen, oder lieber ausschreiben, damit mans schwarz auf weiß besitze, wies jeder meine. Camilla stimmte ihrer Freundin lebhaft bei, damit wenigstens einmal etwas Neues geschähe, zur Abwechslung von dem ewigen Lesen. Der Streit, sagte sie, würde dann erst recht arg werden; und das müsse er auch, denn eher sei keine Hoffnung zum ewigen Frieden.“[22]
Fußnoten
[1] Wilhelm Heinrich Wackenroder/Ludwig Tieck: Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders; Berlin 1797, S. 90-96.
[2] August Wilhelm Schlegel: Die Gemählde. Gespräch; in: Athenäum, Bd. 2, 1. Stück; Berlin 1799, S. 39-151.
[3] Claudia Becker: Bilder einer Ausstellung. Literarische Bildkunstkritik in A. W. Schlegels Gemäldegespräch. In: Paul Gerhard Klussmann (Hg.): Das Wagnis der Moderne: Festschrift für Marianne Kesting; Frankfurt am Main 1993, S. 143-155. Melanie Waldheim: Kunstbeschreibungen in Ausstellungsräumen um 1800; Würzburg 2014, S. 49-80. Joachim Penzel: Der Betrachter ist im Text. Konversation und Lesekultur in deutschen Gemäldegalerien zwischen 1700 und 1914; Berlin 2007.
[4] Caspar David Friedrich wird später die Gemäldegespräche August Wilhelm Schlegels gelesen haben. Der Autor verbindet die Lektüre mit dem Gemälde „Kreidefelsen auf Rügen“ von 1818. Reinhard Wegner: Der geteilte Blick. Empirisches und imaginäres Sehen bei Caspar David Friedrich und August Wilhelm Schlegel; Göttingen 2004 (= Ästhetik um 1800, Bd.1), S. 13-33.
[5] Friedrich Schlegel: Kritische Ausgabe; hg. von Ernst Behler; Bd. XXIV; Paderborn, München, Wien, Zürich 1985, S. 161.
[6] Ludwig Ulrichs (Hg.): Charlotte von Schiller und ihre Freunde; Bd. 3, Stuttgart 1865, S. 25.
[7] Fr. Schlegel (wie Anm. 5), Bd. XXIII, 1987, S. 359 und S. 370-371.
[8] August Wilhelm Schlegel: Sämmtliche Werke. Vermischte und kritische Schriften Bd. 5: Recensionen; hg. von Eduard Böcking; Leipzig 1847, S. 162-172; das Zitat S. 166.
[9] Claudia Stockinger: Der Jenaer Kreis und die frühromantische Theorie. In: Dies. / Stefan Scherer (Hgg.): Ludwig Tieck. Leben - Werk - Wirkung; Berlin, Boston 2016, S. 50-68, hier S. 58-60. Andreas Arndt: Widerstreit und Widerspruch, Gegensatzbeziehungen in frühromantischen Diskursen; in: Internationales Jahrbuch des Deutschen Idealismus, 6/2008, S. 102-122.
[10] Fr. Schlegel (wie Anm. 5), Bd. XXIV, S. 55-56.
[11] Johannes Grave: Der >ideale Kunstkörper<. Johann Wolfgang Goethe als Sammler von Druckgraphiken und Zeichnungen; Göttingen 2006 (= Ästhetik um 1800, Bd. 4), S. 355-362. Norbert Christian Wolf: Vielstimmigkeit im Kontext. Der Sammler und die Seinigen in entstehungsgeschichtlicher und gattungstheoretischer Perspektive; in: Ders./Daniel Ehrmann (Hgg.): Klassizismus in Aktion. Goethes >Propyläen< und das Weimarer Kunstprogramm; Wien, Köln, Weimar 2016, S. 239-276.
[12] Fr. Schlegel (wie Anm. 5), S. 135. Hartmut Fröschle: Goethes Verhältnis zur Romantik; Würzburg 2002, S. 199-205.
[13] August Wilhelm Schlegel: Kritische Schriften und Briefe; hg. von Edgar Lohner, Bd. VII; Stuttgart 1974, S. 59.
[14] August Wilhelm und Friedrich Schlegel im Briefwechsel mit Schiller und Goethe; hg. von Josef Körner/Ernst Wieneke; Leipzig [o. J.], S. 86.
[15] Dirk von Petersdorff/Ulrich Breuer (Hgg.): Das Jenaer Romantikertreffen im November 1799. Ein romantischer Streitfall; Paderborn 2015 (= Athenäum, Sonderheft). Christiane Klein: Das Jenaer Romantikertreffen im November 1799: Dokumentation und Analyse; Heidelberg 2017.
[16] Fr. Schlegel (wie Anm. 5), Bd. XXV, 2009, S. 23.
[17] Friedrich Schlegel: Gespräch über die Poesie; in: Athenäum, Bd. 3, Berlin 1800, S. 58-128.
[18] Peter D. Krause: Unbestimmte Rhetorik. Friedrich Schlegel und die Redekunst um 1800; Tübingen 2001.
[19] Stefan Matuschek (Hg.): Wo das philosophische Gespräch ganz in Dichtung übergeht. Platons Symposion und seine Wirkung in der Renaissance, Romantik und Moderne; Heidelberg 2002.
20] L[udwig] Förster: Biographische und literarische Skizzen aus dem Leben und der Zeit Karl Försters; Dresden 1845, S. 155 f.
[21] Clemens Brentano/Achim von Arnim: Verschiedene Empfindungen vor einer Seenlandschaft von Friedrich […], in IRIS, Nr. 20 vom 28. 1. 1826, S. 77-78.
[22] Fr. Schlegel (wie Anm. 17), S. 62-63.
August Wilhelm Schlegels Gespräch "Die Gemählde" erschien erstmals im Jahr 1799 in der von Ihm und seinem Bruder herausgegebenen Zeitschrift "Athenaeum" (Bd. 2, St. 1)