Ludwig Stockinger
Rhetorik und Metarhetorik in Aufklärung und Romantik
Theorie und Praxis der 'Beredsamkeit' bei Gottsched, Wieland und in der Romantik
Dass die Rhetorik mit der Moderne als Disziplin an Bedeutung und Systematik verlor, ihren Platz im Schulkanon einbüßte und – je nach Perspektive – entweder als auf die elocutio reduzierter Restbestand nunmehr im Katalog literarischer Stilmittel rubriziert werde (Heinrich Lausberg) oder aber im Gegenteil ihre Desystematisierung sie als anthropologische Konstante kenntlich und ubiquitär mache (Klaus Dockhorn), ist gewissermaßen eine Binse der Rhetorikforschung. Der konkreten Untersuchung dieses historischen Prozesses und seiner Vorgeschichte widmeten sich um die Jahrhundertwende eine Vielzahl monographischer Studien; exemplarisch genannt seien Peter Schnyders Die Magie der Rhetorik (1999) und Peter D. Krauses Unbestimmte Rhetorik (2001) als auf Friedrich Schlegel konzentrierte Analysen des Verhältnisses von Romantik und Rhetorik sowie Dietmar Tills bahnbrechendes Werk Transformationen der Rhetorik (2004), welches den Wandel der Disziplin vom Barock bis zur Spätaufklärung in den Blick nimmt. Was in dieser Aufzählung auffällt, ist das Fehlen einer umfassenden historischen Untersuchung der Transformation von der Aufklärung zur Romantik. Dieses Desiderat schließt nunmehr die vor kurzem erschienene Abhandlung Rhetorik und Metarhetorik in Aufklärung und Romantik. Theorie und Praxis der ‚Beredsamkeit‘ bei Gottsched, Wieland und in der Romantik des emeritierten Leipziger Germanisten Ludwig Stockinger.
Der Untertitel kündigt die Schwerpunktsetzung seiner Untersuchung an: Johann Christoph Gottscheds rationalistische Umarbeitung der Rhetorik (Kap. I) in Theorie wie in gedruckten Musterreden bilden den Auftakt, auf den ein vergleichsweise knappes Kapitel zu Christoph Martin Wielands Geschichte des Agathon und der dort entwickelten Kritik des an Gottsched exemplifizierten frühaufklärerischen Rhetorikkonzepts folgt (Kap. II). Von Wieland geht es zur Transformation der Rhetorik ‚um und nach 1800‘ in Kapitel III, das ein Panorama romantischer Rhetorik bietet. Neben tatsächlich gehaltenen Reden (Schellings Über das Verhältniß der bildenden Künste zur Natur, 1807; Johann Michael Sailers Von dem Bunde der Religion mit der Kunst, 1808) und metarhetorischen Vorlesungen (Adam Müller: Zwölf Reden über die Beredsamkeit, 1812/ED 1816) werden auch konzeptionelle Mündlichkeit und dialogische Formen behandelt: Friedrich Schleiermachers Über die Religion (1799), Friedrich Schlegels Über die Philosophie (1799) sowie das Gespräch über die Poesie (1800), August Wilhelm und Caroline Schlegels Die Gemählde (1799) und schließlich weitere Vorlesungen Schellings. Novalis’ vieldiskutierte Rede Die Christenheit oder Europa spielt nur eine Nebenrolle. Das vierte Kapitel schließlich widmet sich ausführlich August Wilhelm Schlegels Berliner Vorlesungen Über die schöne Litteratur und Kunst (1801–1804), gefolgt von einem knapp gehaltenen Fazit und Ausblick.
Methodisch wählt Ludwig Stockingers Studie einen problemgeschichtlichen Zugang und liest also die aufklärerischen wie romantischen Entwürfe von Rhetorik als „Antwort[en] auf längerfristige, im Grunde seit der Entstehung der Rhetorik im antiken Griechenland virulente Legitimationsprobleme unter den spezifischen politischen und gesellschaftlichen Bedingungen der Neuzeit“ (S. 3). Zwei ‚Langzeitprobleme‘ sind es im Besonderen, die den Bogen der Studie darstellen und die teils doch disparate – siehe etwa den Sprung von Gottscheds Redelehre und Musterreden zur Wielands Roman – Textauswahl begründen: die Frage nach dem Verhältnis der Rhetorik als Technik zur Einwirkung eben nicht nur auf logos, sondern ebenso auf ethos und pathos zu Vernunft und Verstand sowie die Frage nach dem medialen Ort der Rede in einem politischen System, das ihr kein öffentliches Forum bietet. Die Studie kann im Ganzen, allen voran Kapitel 1, als Lehrbuch zur Einführung in Aufklärung und Romantik dienen – und das im bestmöglichen Sinne: Neben den Erträgen zu Einzelproblemen der Forschung (auf die ich im Folgenden noch eingehen werde) bieten die Kapitel pointierte Erläuterungen grundlegender philosophischer Konzepte, die etwa den aufklärerischen Rationalismus oder die romantische Universalpoesie informieren. Sie kontextualisieren die behandelten (von Caroline Schlegel abgesehen) Autoren sozialgeschichtlich und ideengeschichtlich; sie betten die analysierten Texte in die größeren problemgeschichtlichen Linien ein. Kurz und gut: Der Gegenstand der Studie erscheint nicht als bloßes Skelett, sondern mit reichlich Fleisch.
Kapitel 1 bildet den Ausgangspunkt, der erstens die Gründe expliziert, aus denen die Redekunst unter dem rationalistischen Paradigma problematisch wird, und zweitens den Umbau der am Primat der Wirkung ausgerichteten Rhetorik hin zu einer ‚vernünftigen Beredsamkeit‘ skizziert. Ludwig Stockinger versteht das zu lösende Grundproblem – nicht nur Gottscheds, sondern der Aufklärung überhaupt – mit Panajotis Kondylis als Klärung „des Verhältnisses von sinnlicher Erfahrung und vernünftiger Erkenntnis, von Begierden und vernünftigem Willen“ (S. 4). Einer Aufklärung, die ihre Sache ernst nimmt, müsste eine Kunst der vernünftigen Redeführung, die Dialektik im Sinne Platons, ausreichend sein, um ihr Ziel zu verfolgen – wozu also eine Disziplin, die im Verdacht steht, den Schein der Wahrscheinlichkeit für das Sein der Wahrheit auszugeben? Die Studie skizziert erstens Gottscheds Lösung – Zielgruppenspezifik in Hinsicht auf die Vernunft- und Verstandesausbildung –, zweitens den schwachen Riegel, der dem Missbrauch der Redekunst vorgeschoben wird: die Kopplung von Gelehrtheit und Rechtschaffenheit, sowie drittens die ‚konzeptionelle Mündlichkeit‘ als Paradigma der Redeproduktion, bevor sie sich der Analyse von Gottscheds Reden zuwendet. Im Detail analysiert werden jene auf Martin Opitz, Nikolaus Kopernikus, über die Erfindung der Buchdruckerkunst sowie die Hochzeitsrede auf die bayerische Prinzessin Maria Antonia und den sächsischen Kurprinzen Friedrich Christian. Ludwig Stockinger zeigt überzeugend, wie die Reden über ihren situativen Anlass heraus – sie sind dem genus demonstrativum bis hin zur Panegyrik zuzuordnen – ein Plädoyer für eine reformierte Kultur- und Wissenschaftspolitik im Geiste der Aufklärung und eine ständeübergreifende Öffentlichkeit formulieren, also von der Lobrede zum genus deliberativum hinüberwechseln, dabei strategisch Sein und Sollen, Ziel und Wirklichkeit vermischen.
Die damit tangierte Frage nach der Unterscheidung von ‚falscher‘ und ‚wahrer’ Beredsamkeit bildet das Zentrum des zweiten Kapitels. Wielands Agathon liest Ludwig Stockinger als „narrative[s] Experiment“ zur Frage, „ob und wie sich eine politische ‚legitime‘ Rhetorik begründen und rechtfertigen lässt.“ (S. 147) Die Stationen von Agathons Lebensweg werden so Proben verschiedener Verhaltensweisen des aufgeklärten, tugendhaften Bürgers im politischen Gemeinwesen. Im Athen scheitere Agathon daran, dass er nicht die Vernunft der Bürger von seinen politischen Grundsätzen überzeugte, sondern stattdessen an ihr Begehrensvermögen und damit „auf instabile Emotionen und Begierden“ (S. 173) wirkte – ganz so und ebenso erfolgreich wie seine Ankläger späterhin. Agathons politisches Wirken in Syrakus unter der Herrschaft von Dionysius dem Jüngeren liest Stockinger überzeugend als „Kritik des in der deutschen Aufklärung verbreiteten Wunschtraums der Fürstenerziehung bzw. Fürstenberatung“ (S. 177), deren Scheitern sich der Selbstüberschätzung der eigenen Wirksamkeit, der Unterschätzung menschlichen Begehrens und einer Verhaltensweise verdanke, die moralische Prinzipien zugunsten politischer Klugheit im Dienste der guten Sache hintanstellt. Die abschließende Flucht nach Tarent liest die Studie als Flucht in die als solche markierte Utopie, was freilich nicht als Absage an die zugrundeliegende Norm zu verstehen sei: Zwar scheitere „am Ede das Konzept einer ‚Rhetorik der Vernunft‘ […], ohne allerdings die Geltung von deren Normen völlig zu destruieren.“ (S. 196)
Wie die anfängliche Inhaltsangabe bereits andeutete, ist das nun folgende dritte Kapitel in der Zusammenstellung der behandelten Texte und Konstellationen relativ disparat. Einen Schwerpunkt bildet der im Oeuvre Ludwig Stockingers oft präsente Themenkomplex ‚Literatur und Religion‘, der von Schleiermachers Über die Religion zu Schlegel/Schlegels Die Gemählde und Schelling bis hin zu Sailer verfolgt wird. Eindrücklich zieht Stockinger die Linie, die von der romantischen Vorstellung, erst die Moderne trenne Immanenz und Transzendenz, über die Notwendigkeit der Mittlerfigur, die das Absolute in sinnlich konkreter Gestalt zur Erscheinung bringt, bis hin zur – bei Sailer dann offen katholischen – Idee der Kirche als Kunstwerk führt. Zwei problemgeschichtliche ‚Großwetterlagen‘ durchziehen die Unterkapitel, man kann sie pointieren als Frage nach erstens dem Ort und zweitens der Wirksamkeit der Rede im absolutistischen System. Es sind zwei Lösungen, die Stockinger im romantischen Diskurs herauspräpariert: die aufgrund des romantischen Primats der Mündlichkeit aporetische Fingierung von Gesprächen und Reden für den Druck im Modus der konzeptionellen Mündlichkeit sowie die Herstellung einer umfassenderen Öffentlichkeit durch die Publikation faktisch gehaltener Reden, um die restringierte Öffentlichkeit – die Universität, die Akademie – ohne Rücksicht auf ständische Identität zu erweitern.
Der zweite Weg erweist sich, über die Universitätsrede hinausgeführt, als „die eigentlich innovative Form“ (S. 338), wie Stockinger in Kapitel IV in seiner akribischen Analyse von August Wilhelm Schlegels Berliner Vorlesungen darlegt (im Übrigen soweit ich sehe die umfassendste Behandlung dieser Vorlesungen). A.W. Schlegels Vorlesungen stellen ein Modell dar, das zahlreiche Schriftsteller – Friedrich Schlegel, Adam Müller, Johann Gottlieb Fichte – in den Folgejahren kopierten. Indem A.W. Schlegels Vorlesungen nicht an der Universität sondern in eigens dafür angemieteten Räumen als gesellschaftliche ‚Großevents‘ stattfanden, waren sie für eine stände-, geschlechter- und religionsübergreifende Öffentlichkeit zugänglich (freilich unter der Voraussetzung, dass sie sich die Eintrittskarten leisten konnte) und konnten schließlich „schon allein aufgrund der Herstellung einer Öffentlichkeit, für die es in dieser Zusammensetzung sonst kein Forum gab, auch politische Bedeutung annehmen“ (S. 344). Freilich ist fraglich, ob Schlegels kulturnationalistischer Aufruf tatsächlich einen Einfluss auf die politische Willensbildung vor den Befreiungskriegen hatte. Unabhängig aber von diesen Spekulationen gelingt es Stockinger aufzuzeigen, dass Schlegels Vorlesungen die eigentliche Schaltstelle zwischen der ironischen, aporetischen Frühromantik und einer Romantik, die „ein Angebot zur Konstituierung nationaler Identität“ darstelle und dabei „Literatur als Medium der Bildung von nationaler Identität eine zentrale Rolle“ zuweise (S. 398). Romantische Rhetorik erscheint also nicht als deliberative Einflussnahme auf politische Entscheidungsprozesse, sondern auf die ‚Tiefenschichten‘ kultureller Identitätsbildung und Selbstverständigung. Womit Ludwig Stockingers lesenswerte und erkenntnisreiche Studie auch implizit den Bogen zum Anfang, zu Gottscheds nationalpädagogischem Programm zieht und also über die Frage nach dem Forum und der Funktion der Redekunst Aufklärung und Romantik neu und überraschend relationiert.
Rezension verfasst von Jakob Christoph Heller