Sophie Lauster , 31.01.2023

Vordenker von Transhumanismus und KI?

Zur Jubiläumsausstellung „Unheimlich Fantastisch – E. T. A. Hoffmann 2022“ im Deutschen Romantik-Museum in Frankfurt am Main

Nach Stationen in den Staatsbibliotheken zu Bamberg und Berlin ist die Jubiläumsausstellung anlässlich des 200. Todestages von E. T. A. Hoffmann 2022 nun auch im Deutschen Romanik-Museum in Frankfurt am Main zu sehen. Die von Christina Schmitz, Bettina Wagner und Wolfgang Bunzel kuratierte Ausstellung widmet sich dem vielseitigen Leben und Wirken des Universalkünstlers und fragt dabei besonders nach der modernen Rezeption sowie der Aktualität Hoffmanns 200 Jahre nach seinem Tod. Das breite Spektrum seines Schaffens ist in der Gestaltung der Ausstellung gespiegelt. Die Sammlung bringt erstmals die Bestände der drei beteiligten Institutionen aus Bamberg, Berlin und Frankfurt zusammen und kombiniert sie mit bedeutenden Leihgaben: Neben ‚klassischen‘ Literaturausstellungsexponaten, wie etwa des gemeinhin als erster ‚Krimi‘ geltenden Fräulein von Scuderi (1819) oder originalen Briefen des Autors, sind in der Ausstellung auch karikative Skizzen Hoffmanns zu beschmunzeln, Tonaufnahmen seiner Kompositionen zu hören und Auszüge seiner juristischen Gutachten zu lesen. Die Sammlung zeichnet sich außerdem durch ihren spielerischen Umgang mit Social Media-Formaten aus, die wohl vor allem ein jüngeres Publikum für den romantischen Autor begeistern sollen. So gibt es beispielsweise eine Medienstation, in welcher Briefe Hoffmanns an seine Zeitgenossen ins Chatformat ‚übersetzt‘ präsentiert werden; an anderer Stelle wird eine Instagram-ähnliche Plattform dargestellt, die unterhaltsame Einblicke in modern adaptierte Selbstinszenierungspraktiken Hoffmannscher Figuren wie Johannes Kreisler oder Kater Murr gibt (Abb. 1). Gerahmt wird die Ausstellung von Installationen zeitgenössischer Künstler:innen, die von Hoffmanns Erzählungen aufgeworfene Fragen für einen modernen Kontext adaptieren. Über QR-Codes können Besucher:innen außerdem zusätzliche Informationen und weiterführende Literaturempfehlungen zu verschiedenen Exponaten abrufen. Ein umfangreiches Rahmenprogramm mit Führungen, Workshops, Lesungen und Theaterinszenierungen ergänzt die Ausstellung.
 
Beim Betreten des Ausstellungraums sieht man sich als Besucher:in unmittelbar mit dem eigenen Spiegelbild konfrontiert – allerdings scheint es gebrochen, irgendwie verfremdet. Denn sobald Besucher:innen den Raum betreten, wird eine Soundinstallation ausgelöst, welche die Spiegelfolie, mit der die gegenüberliegende Wand großflächig überzogen ist, in Schwingung versetzt (Abb. 2). Auf diese Weise entstehen verzerrte Spiegelbilder, leicht verfälschte, merkwürdig verfremdete Abbilder der Wirklichkeit, die bei der Betrachter:in ein Gefühl des Unbehagens hinterlassen. Können wir unserer Wahrnehmung noch trauen? Die Ausstellung lässt ihre Besucher:innen demnach direkt zu Beginn des Rundgangs am eigenen Leib erfahren, was für viele Erzählungen Hoffmanns ausschlaggebend ist und vom Kurator:innenteam in den Fokus der Sammlung gerückt wird: Spiegelungen, Wahrnehmungstäuschungen, Perspektivwechsel, die Verhandlung der unsicheren Grenzen zwischen Realität und Vorstellung sowie das damit einhergehende Gefühl des Unheimlichen.
Nicht ohne Grund gilt Hoffmann heute vielen als einer der ersten Autoren der Fantastik. Die Unsicherheit darüber, ob Geschehnisse in der fiktionalen Welt real sind oder lediglich im Kopf der jeweiligen Protagonist:innen stattfinden, ist ausschlaggebend für zahlreiche der bekanntesten Erzählungen, beispielsweise Der goldene Topf (1814) und Der Sandmann (1816). Diese Wirkung wird in der Ausstellung auch für die Besucher:innen erfahrbar gemacht, so etwa durch die Wandgestaltung der zeitgenössischen Leipziger Künstlerin Kea Bolenz (Abb. 3). In ihrem Panorama greift sie Figuren und Motive aus Hoffmanns Erzählungen, z.B. das Apfelweib aus dem goldenen Topf sowie übergroße Augen in Anspielung auf den Sandmann, auf und kombiniert diese mit Werken der Malerei, die Hoffmanns Schaffen mutmaßlich beeinflusst haben, darunter Gemälde von Francisco de Goya und Jacques Callot. Bei jedem Hinschauen ist immer Neues in Bolenz’ Wandgestaltung zu entdecken; nichts ist wie es scheint. Die Künstlerin adaptiert auf diese Weise eindrücklich das Verschwimmen von Fantasie und Realität, das auch die Erzählungen E. T. A. Hoffmanns auszeichnet.
 
Ein Schwerpunkt der Ausstellung liegt auf Hoffmanns Auseinandersetzung mit den technologischen und wissenschaftlichen Entwicklungen seiner Zeit, von denen er gleichermaßen fasziniert und beunruhigt war. In seinen Erzählungen wirft er viele brisante Fragen auf, die uns auch heute angesichts einer zunehmenden Technisierung der Welt noch beschäftigen. Seine Erzählung Die Automate (1814) beispielsweise berichtet von musizierenden Maschinenmenschen und greift dabei auf die realhistorische Erfindung eines mechanischen Flötenspielers von Jacques de Vaucanson aus dem 18. Jahrhundert zurück. Die Frankfurter Ausstellung zeigt einen Trompeterautomaten von 1816/17, einen von insgesamt nur zwei erhalten gebliebenen seiner Art aus dem 19. Jahrhundert (Abb. 4). Über den Medienguide können Besucher:innen die entsprechende Textstelle aus Hoffmanns Erzählung abrufen, wo die Protagonisten über die Gefahren dieser maschinell produzierten Musik diskutieren. Auf diese Weise nimmt Hoffmanns Erzählung drängende Fragen hinsichtlich der Möglichkeiten und Gefahren technologischer Entwicklungen vorweg, die gerade in den letzten Monaten anlässlich der öffentlichen Zulassung des Textgenerators ChatGPT wieder stark diskutiert werden. Wenn Maschinen – seien es flötenspielende Automaten oder textgenerierende KIs – zunehmend erfolgreich kreative Prozesse übernehmen, Musikstücke komponieren oder Romane schreiben, was bedeutet das dann für die individuelle künstlerische Kreativität, die doch eigentlich den Menschen von anderen Organismen – künstlichen wie lebendigen –unterscheidet?
Neben dem lebensgroßen Flötenspieler ist die Bildserie H+ des Schweizer Fotografen Matthieu Gafsous zu sehen, welche verschiedene aktuelle Formen des Transhumanismus vorführt – etwa Kontaktlinsen, Exoskelette oder implantierte Mikrochips. Gafsous demonstriert mit seinen Fotografien, dass die Mechanisierung des Menschen, die bei Hoffmann noch Fiktion bleibt, heute teilweise bereits der Realität entspricht und konfrontiert die Betrachter:innen auf diese Weise mit der Frage, inwieweit die Optimierung menschlicher Vorgänge durch Technik hilfreich ist, ab wann sie aber auch problematisch werden kann. Auch diese Frage beschäftigte bereits Hoffmann. Seine wohl bekannteste Erzählung Der Sandmann berichtet, wie sich der Student Nathanael in die mechanische Puppe Olimpia verliebt und für sie seine menschliche Verlobte Clara verlässt. Menschen nicht nur in Arbeitsprozessen, sondern auch in sozialen Beziehungen durch künstliche Pendants zu ersetzen, ist in den letzten Jahren vielfach diskutiert und literarisch verarbeitet worden – man denke etwa an Ian McEwans Machines Like Me (2019) oder Kazuo Ishiguros Klara and the Sun (2021). In der Frankfurter Ausstellung widmet sich die Gegenwartskünstlerin Emma Braslavsky in einer eindrücklichen Installation dieser Thematik (Abb. 5). Passagen aus dem Sandmann stellt sie entsprechende Textstücke aus ihrer Kurzerzählung I’m your Man (2019) gegenüber, deren Inhalt vielen Besucher:innen aus der Filmadaption Ich bin dein Mensch unter der Regie von Maria Schrader aus dem Jahr 2021 bekannt sein dürfte. Erzählt wird die Liebesbeziehung zwischen der menschlichen Alma und dem ‚human robot‘ Tom. Wie in Hoffmanns Sandmann wird auch hier die heikle Frage aufgeworfen, inwieweit Menschen in romantischen Beziehungen durch Maschinen ersetzt werden können und welche Gefahren damit einhergehen: „Weißt du nicht, wie gefährlich diese Dinger sind?“, fragt Almas Freundin Laura in einem der in der Installation präsentierten Textauszügen aus I’m your Man. „Die steigern sich immer weiter in die Beziehung rein, weil sie darauf programmiert sind. Die treiben dich in den Wahnsinn, in den Selbstmord mit ihrer berechneten eiskalten Fürsorge, mit zuckriger Errettung ködern die uns. Weil die so easy sind, Süße, wirst du süchtig nach denen. So rotten die uns aus.“
Braslavsky ergänzt die Gegenüberstellung der Textpassagen um eine an Horrorfilme erinnernde, in ein weißes Rüschenkleid gehüllte Babypuppe. Haftet ihr schon auf den ersten Blick etwas Unheimliches an, so erkennt man erst bei näherem Hinschauen, dass die Puppe sich unmerklich, ganz langsam bewegt und mitunter menschliche Laute von sich gibt. Diese Geräusche sind Tonaufnahmen von Braslavskys Tochter, die Haare der Puppe sind die der Künstlerin selbst. Der unheimliche Effekt, der auch im Sandmann durch die verwischende Grenze zwischen Mensch und Automat entsteht, wird demnach durch Braslavskys Installation für die Besucher:innen der Ausstellung erfahrbar gemacht. Gleichzeitig spielt sie – wie auch Hoffmann in vielen seiner Erzählungen – mit der Grenze zwischen Wirklichkeit und Fiktion, indem sie Elemente des eigenen Lebens in ihr Kunstwerk einfließen lässt. Hoffmann betreibt dieses Spiel häufig sogar über die Grenzen der Fiktion hinaus, wenn er etwa einen Brief an den befreundeten Schauspieler Ludwig Devrient mit dem Namen einer seiner fiktiven Figuren aus dem goldenen Topf – Archivarius Lindhorst – unterzeichnet (Abb. 6). 
 
Obwohl Hoffmann selbst nie in Frankfurt war, macht er die Stadt am Main zum Schauplatz seines grotesken Kunstmärchens Meister Floh (1822). Mit einer anschaulichen Wandkarte illustriert die Ausstellung die Topografie der Erzählung und Besucher:innen können eine App herunterladen, welche zur „virtuellen Zeitreise in E. T. A. Hoffmanns Frankfurt“ einlädt. Hier werden die Schauplätze des Märchens im heutigen Stadtbild verortet, sodass Interessierte auch über den Besuch im Romantik-Museum hinausgehend Hoffmanns Wirken verfolgen und auf Peregrinus Tyß’ literarischen Spuren durch Frankfurt wandeln können. 
 
Zum Abschluss widmet sich die Ausstellung der modernen Rezeption Hoffmanns in Literatur und Film. Durch Leseexemplare verschiedenster Erzählungen der letzten beiden Jahrhunderte werden Besucher:innen dazu eingeladen, Hoffmans Nachwirken bei so unterschiedlichen Autor:innen wie Nikolai Gogol, Thomas Mann, Gustav Meyrink oder Anna Seghers nachzuvollziehen. An der gegenüberliegenden Wand sind außerdem Sequenzen unterschiedlicher Filme zu sehen – darunter Das Cabinet des Dr. Caligari (1920), Blade Runner (1982) oder Der Nachtmahr (2015) –, die Hoffmanns großen Einfluss auf das Genre des Horrorfilms illustrieren.
 
Insgesamt gelingt es der Ausstellung, durch ihre Multimedialität sowie die Nebeneinanderstellung von Hoffmanns Erzählungen und zeitgenössischen Kunstwerken die Aktualität des Autors zu demonstrieren und ein immersives, ebenso unterhaltsames wie informatives Besuchserlebnis zu gestalten. Durch den starken Fokus auf die moderne Anschlussfähigkeit Hoffmanns bekommen allerdings seine Auseinandersetzung mit zeitgenössischen technologischen Entwicklungen und die daran anschließenden Debatten rund um Transhumanismus und KI überdimensional viel Aufmerksamkeit, während andere entscheidende Aspekte seines Werks vernachlässigt werden. So muss es doch erstaunen, dass in einer Ausstellung mit dem Titel „Unheimlich Fantastisch“ diese beiden zentralen Begriffe weitestgehend unerklärt bleiben. Zweifelsohne ist eine (Literatur-)Ausstellung nicht der richtige Ort für die Ausbreitung langer Forschungsdiskurse, da aber gerade diese beiden Termini umgangssprachlich oft sehr schwammig verwendet werden und in ihrer Bedeutung mitunter erheblich von der literaturwissenschaftlichen Begriffsverwendung abweichen, sollten die Konzepte und besonders ihre Zuschreibung zu Hoffmanns Werk in der Ausstellung stärker erläutert, kontextualisiert sowie problematisiert werden.
Nichtsdestoweniger liefert die Ausstellung einen wichtigen Beitrag dazu, die Vielseitigkeit Hoffmanns zu veranschaulichen und für ein breites Publikum zugänglich zu machen. „Unheimlich Fantastisch – E. T. A. Hoffmann 2022“ ist noch bis zum 12. Februar im Romantik-Museum in Frankfurt zu sehen.

Weiterführende Links

Virtuelle Zeitreise in E.T. A. Hoffmanns Frankfurt: https://virtuelle-zeitreise.freies-deutsches-hochstift.de/#/de 

Medienguide der Frankfurter Ausstellung: https://etahoffmann.staatsbibliothek-berlin.de/etah2022/medienguide-frankfurt/ 

Begleitprogramm zur Frankfurter Ausstellung: https://deutsches-romantik-museum.de/ausstellungen/-/unheimlich-fantastisch-e-t-a-hoffmann-2022/971 

Selbstinszenierungspraktik des Katers Murr

Eingang der Ausstellung

Wandgestaltung von Kea Bolenz

Trompetenautomat von 1816/17

Installation von Emma Braslavsky

Brief Hoffmanns an den Schauspieler Ludwig Devrient