09.01.2026

Sympoiesis. Zeit-Ökologien in Kunst und Natur um 1800

Einsendeschluss: 15.03.2026
Tagung: 30.09–02.10.2026

Zwischen geologischer Tiefenzeit und der Flüchtigkeit eines Atemzugs, zwischen langsamer Abtragung von Küstenlinien und der periodischen Wiederkehr von Tag und Nacht, zwischen vegetativem Wachstum, Herzschlag, Puls und Takt entfalten sich Vorstellungen des Natürlichen als Gefüge unterschiedlicher zeitlicher Horizonte. In Kunstwerken können diese heterogenen Zeitlichkeiten synchronisiert werden: Das Kunstwerk wird dann zum Ort einer »Sympoiesis« (Donna Haraway), eines »Zusammen-Werdens«, in dem biologische Wachstumsprozesse, zyklische Wiederholungen und lineare Zerfallserscheinungen nicht nur abgebildet, sondern in einer neuen ästhetischen Eigenzeit des Kunstwerks amalgamiert werden. Nur ein Beispiel: Wenn Mary Delany in ihren »Paper Mosaiks« echte Pflanzenteile mit gefärbtem Papier collagiert und dabei Knospe und Fruchtstand – also distinkte chronologische Stadien – simultan präsentiert, vollzieht sie eine Überschreitung der natürlichen Zeitordnung und schafft eine Synchronizität diachroner Ereignisse.  

Die Tagung fragt danach, wie Kunstwerke um 1800 in diesem Sinne als Querschnitte durch heterogene Zeitschichten des Natürlichen fungieren. Der Leitbegriff Sympoiesis markiert dabei eine Perspektivverschiebung: nicht Natur gegen Kunst, nicht Umwelt als Hintergrund, sondern ko-operative Hervorbringung von Lebendigkeit in unterschiedlichen Wissens- und Werkformen. Im Zentrum steht so ein »Mit-Machen«, in dem Materie und Materialien, Medien, Körper, Diskurse und Praktiken miteinander in Beziehung treten. Gerade um 1800 – im Spannungsfeld von Naturphilosophie, Frühbiologie, Geologie, Ästhetik, Poetik und neuen musikalischen Zeitordnungen – lässt sich beobachten, wie Lebendigkeit als ökologisches Verhältnis und als zeitlich strukturiertes Werden begriffen und gestaltet wird. 

Es bieten sich verschiedene disziplinäre Zugänge an:  

  • Zeitökologien in Poetik und Ästhetik, Naturbeschreibungen, Metapherngeschichte; Metrik, Rhythmus, Wiederholung; Temporalsemantiken von Wachstum, Verwandlung, Schwelle, Krise. 
  • Bildzeit und Materialzeit; Montage/Collage, Serie, Studie; Landschaft als Tiefenzeit-Medium; Visualisierungen von Zyklus, Wandel, Erosion; Praktiken der Sammlung und Klassifikation als Zeitordnungen. 
  • Takt, Puls, Periode, Tempo als Modelle des Lebendigen; Körper- und Affektzeiten; Rhythmisierung, Synchronisation und ihre Störungen; Form als temporale Ökologie (Wiederkehr, Variation, Übergang). 

Übergeordnet lässt sich fragen nach:  

  • Ästhetiken und Ordnungen von Zeitlichkeit  
  • Zeitkonzepten einzelner Disziplinen 
  • Wissen und Geschichte, Tempus und Entwicklung 
  • Phänomenologie der Bewegung und Transformation: Wie werden Wachstum und Metamorphose narrativ oder bildlich darstellbar, ohne sie im statischen Abbild zu erstarren? 
  • Rhythmisierung und Takt: Wo trifft die »gekerbte Zeit« (das Metrum, der Takt, die gemessene Zeit) auf die »glatte Zeit« des organischen Fließens? Wie verhalten sich Herzschlag, Puls und Atem zur musikalischen Periode oder zum Versmaß in der Poesie um 1800? 
  • Zyklen und Schwellen: Wie inszenieren Kunst, Literatur und Musik den Übergang vom Tag zur Nacht, den Wechsel der Jahreszeiten oder die Lebensalter? Wird hier eine harmonische Synchronizität des Natürlichen behauptet oder machen die Werke gerade die Asynchronien, die Risse im Zeitgefüge sichtbar? 

Die Konferenz findet vom 30. September bis 2. Oktober 2026 im Erbacher Hof in Mainz statt. Wir bitten Interessierte um die Einsendung deutsch- oder englischsprachiger Abstracts mit einem Umfang von max. 300 Wörtern für einen 30-minütigen Beitrag sowie einen kurzen CV an folgende E-Mailadressen: gregor.wedekind(at)uni-mainz.de und ctheisin(at)uni-mainz.de

Einsendeschluss ist der 15. März 2026.