Mittwoch 30. September 2026 - Freitag 02. Oktober 2026

Sympoiesis. Zeit-Ökologien in Kunst und Natur um 1800

Tagung

Zwischen geologischer Tiefenzeit und der Flüchtigkeit eines Atemzugs, zwischen langsamer Abtragung von Küstenlinien und der periodischen Wiederkehr von Tag und Nacht, zwischen vegetativem Wachstum, Herzschlag, Puls und Takt entfalten sich Vorstellungen des Natürlichen als Gefüge unterschiedlicher zeitlicher Horizonte. In Kunstwerken können diese heterogenen Zeitlichkeiten synchronisiert werden: Das Kunstwerk wird dann zum Ort einer »Sympoiesis« (Donna Haraway), eines »Zusammen-Werdens«, in dem biologische Wachstumsprozesse, zyklische Wiederholungen und lineare Zerfallserscheinungen nicht nur abgebildet, sondern in einer neuen ästhetischen Eigenzeit des Kunstwerks amalgamiert werden. Nur ein Beispiel: Wenn Mary Delany in ihren »Paper Mosaiks« echte Pflanzenteile mit gefärbtem Papier collagiert und dabei Knospe und Fruchtstand – also distinkte chronologische Stadien – simultan präsentiert, vollzieht sie eine Überschreitung der natürlichen Zeitordnung und schafft eine Synchronizität diachroner Ereignisse.  

Die Tagung fragt danach, wie Kunstwerke um 1800 in diesem Sinne als Querschnitte durch heterogene Zeitschichten des Natürlichen fungieren. Der Leitbegriff Sympoiesis markiert dabei eine Perspektivverschiebung: nicht Natur gegen Kunst, nicht Umwelt als Hintergrund, sondern ko-operative Hervorbringung von Lebendigkeit in unterschiedlichen Wissens- und Werkformen. Im Zentrum steht so ein »Mit-Machen«, in dem Materie und Materialien, Medien, Körper, Diskurse und Praktiken miteinander in Beziehung treten. Gerade um 1800 – im Spannungsfeld von Naturphilosophie, Frühbiologie, Geologie, Ästhetik, Poetik und neuen musikalischen Zeitordnungen – lässt sich beobachten, wie Lebendigkeit als ökologisches Verhältnis und als zeitlich strukturiertes Werden begriffen und gestaltet wird.