10.07.2024

„Reformation und Romantik. Erkundung eines vielfältigen Verhältnisses“

Bericht zu einem Workshop an der LEUCOREA in der Lutherstadt Wittenberg

Die KollegInnen werden neugierig, wenn man erzählt, dass man nach Wittenberg zu einem Workshop aufbricht, der nicht in erster Linie die Reformation und die damals in Wittenberg wirkenden Theologen zum Thema hat. Noch viel neugieriger werden sie, wenn man ihnen kundtut, dass es um das Verhältnis von Reformation und Romantik gehen wird.

„Reformation und Romantik. Erkundung eines vielfältigen Verhältnisses“. Unter diesem Titel organisierten Dr. Karl Tetzlaff und Matthis Glatzel vom 27.–28. Mai 2024 an der LEUCOREA in Wittenberg einen Workshop. Zu den Trägerinstitutionen gehörte neben dem DFG-Graduiertenkolleg „Modell Romantik“ an der FSU Jena auch die Stiftung LEUCOREA an der MLU Halle-Wittenberg.

Die Erkundungen des Verhältnisses, dessen Vielfältigkeit sich in 24 an der LEUCOREA verbrachten Stunden erwies, begannen mit einer themenbezogenen Stadtführung durch Wittenberg. „Wittenberg romantisch“ (Dr. Insa-Christine Hennen, Wittenberg) lautete der Titel für den ersten Eindruck von den romantischen Spuren der Reformation. Wer gedacht hatte, dass sich zu Straßen, Plätzen und Häuserzügen Wittenbergs zwar erschöpfend viel zur Reformationsgeschichte, aber nichts zur Romantik sagen lasse, lag falsch. An einem Haus in der Bürgermeisterstraße 16 prangt auf einer Bronzetafel ein stilvoller Schriftzug: „Novalis“. Der Begründer der Frühromantik lebte dort im heute noch als „alte Sternwarte“ bekannten Haus, während er sein juristisches Examen ablegte. Ausgehend von der Vorstellung, wie Novalis hier möglicherweise den nächtlichen Sternenhimmel über Wittenberg bestaunte, und beim Flanieren durch die weitläufig angelegten Parks der Stadt drängte es sich nun sogar auf, über Unendlichkeitssinn, Individualität und das Ewige ins Denken zu kommen – ein gelungener Einstieg ins Thema.

Von der gut durchdachten Dramaturgie des Workshops zeugte im Anschluss der Vortrag unter dem Titel „Die Bibel pluralisieren. Novalis’ frühromantische Kritik am protestantischen Schriftprinzip“ (PD Dr. Yvonne Al-Taie, Kiel). Die lutherische Behauptung einer Allgemeingültigkeit durch Philologie und Bibelexegese ging Novalis zu sehr zu Lasten der Erfahrung. Denn für ihn sei die ganze Geschichte Evangelium, in der die Geschichte Christi ebenso ein Gedicht ist wie eine Erzählung. Damit solle für Novalis gerade zum Ausdruck kommen, dass die christliche Religion eines poetisch-praxiologischen Umgangs bedürfe. Die Erfahrung eines menschlichen Lebens rückte dabei ins Zentrum und führe zu einer ganzheitlicheren Betrachtung, zu einem „Religion machen“, die im menschlichen Leben frage: Wer hat die Bibel schon für erschlossen erklärt?

Darin fügte sich fast nahtlos die Betrachtung protestantischer Individualitätskultur in der Romantik (Dr. Karl Tetzlaff, Halle/ Wittenberg) ein. „Die Individualität ist das Ewige im Menschen“ und sollte nach der Romantik in jedem Fall bewahrt werden vor einer tödlichen Verallgemeinerung. Eine romantische Individualität hadere mit einem zu dogmatisch-formalen Gefüge. Die einzige „Institution“ solle das Allgemeine Priestertum sein, bei dem das Individuum als Priester Teil am Göttlichen habe, aber zugleich als Laie immer auf andere angewiesen sei. Die Selbsterforschung, die Erforschung des eigenen inneren Heiligtums sowie der damit einhergehende äußerliche Ausdruck in der Kunst stiftete mit Bettina von Armin eine immer wieder neu zirkulierende Religion, die im Dialog entstand.

Der „Krise des Allgemeinen“, die am Ende des Vortrags und der Anschlussdiskussion prominent thematisch wurde, schloss sich der dritte Vortrag des Tages stimmig an: „Geselligkeit als des ‚Zweifels Weihe‘. Lebensweg und allgemeines Priestertum in W. M. L. de Wettes Theodor-Roman (1822) vor dem Horizont der protestantischen Theologie und Frömmigkeit seiner Zeit“, gehalten von PD Dr. Peter Schüz aus München. Im Theodor-Roman praktiziere der Autor anhand einer religiösen Lebensgeschichte – fiktiv oder nicht – diese neue romantisch-zirkulierende Institution, indem er religiöse Krisen und den religiösen Zweifel als wesentliche Durchgangsstufen eines menschlichen Lebens markiere und damit menschliche Innerlichkeit zur Erbauung und Erhebung zur Verfügung stelle. Immer in dem Vertrauen darauf, dass ästhetisches Erleben ein Wiedererkennen des Eigenen im Fremden ermögliche.

Dieser erste Tag endete mit einem fesselnden, exemplarisch-ästhetischen Erleben einer Poetisierung von Lebensgeschichte anhand der Erforschung von Martin Luthers und Lore Lays Innenleben: Feridun Zaimoglu las aus seinem Buch Evangelio. Das anschließende Gespräch mit dem Autor führte PD Dr. Sandra Kerschbaumer aus Jena. Eindrücklich wurden hier weitere Facetten des Verhältnisses von Religion und Individualität atmosphärisch zur Sprache gebracht. Das gesellige Beisammensein im einladenden Bibliotheksraum unter den Dächern der LEUCOREA rundete den ersten Workshoptag gelungen ab.

Am nächsten Tag bot sich dann die protestantische Rezeption der Romantik als zentrales Thema an, zunächst anhand der Romantikkritik bei Emil Brunner und in der Dialektischen Theologie (Prof. Dr. Alf. Christophersen, Wuppertal). Dabei ging es um die Frage nach dem richtigen Verhältnis von Innerlichkeit und äußerer Offenbarung. Brunner beklage die Vergötterung der Seele in der Romantik, die nicht in der Lage sei zu erkennen, dass im Inneren kein reiches Heiligtum zu finden sei, sondern sich immer nur der Mensch in seiner Sündhaftigkeit ansichtig werde. Für ihn sei diese mystisch-romantische Zirkulation nur eine inhaltlich leere Vermittlungsbewegung. Die Dialektische Theologie implementiere darin die unbedingte Notwendigkeit des Wortes der Offenbarung, das von außen kommen müsse, damit die romantische Erfahrung nicht nur eine Selbstrechtfertigung aus mutmaßlich eigener göttlicher Tiefe bleibe.

Wir blieben thematisch im 20. Jahrhundert und folgten romantischen Motiven bei Dorothee Sölle (Prof. Dr. Elisabeth Hartlieb, Marburg), die die romantischen Impulse vor allem in Bezug auf das sozial-politische Verhältnis des Menschen zur Welt fruchtbar zu machen versuchte. Gerade die Vermittlungsversuche zwischen Individuellem und Kollektivem könne als neoromantisch gedeutet werden: Für Sölle gehe es um eine poetische Vermittlung des Religiösen, die in ihrer Sprache an die Tiefe des menschlichen Seins rührt und damit zum einen dem modernen Rationalismus entgegen steht und zum anderen den Menschen mit seiner Welt verbinden soll.

Den vorläufigen Abschluss des Workshops bildete der Vortrag von Prof. Dr. Christian Senkel aus Halle: „‚Heilige Revolution‘. Hermann Timms theologische Entdeckung der Romantik“. Hermann Timm könne als einer der wenigen Theologen der jüngeren Vergangenheit gesehen werden, der die Romantik produktiv in sein theologisches Denken miteinschließe. Damit mündete der Workshop zum Schluss schließlich in Fragen nach der anhaltenden Relevanz der Romantik für eine gegenwärtige Theologie.

Den Abschlussimpuls setzte mit Matthis Glatzel einer der Organisatoren und lud damit zu einer angeregten und anregenden Abschlussdiskussion ein. Offen blieb die Frage nach der Vermittlung zwischen Individuellem und dem Kollektiven in der Gegenwart, sowohl in systematisch- als auch praktisch-theologischer Hinsicht.

Zur Klasse dieses Workshops trug neben den anregenden Redebeiträgen, dem Austausch und der Vernetzungsmöglichkeit die umfassende Beherbergung in den Räumen der LEUCOREA  bei sowie die herzliche und kompetente Leitung.

 

Programm

27. Mai 2024

bis 12 Uhr: Anreise (Adresse: Stiftung LEUCOREA, Collegienstr. 62, 06886 Lutherstadt Wittenberg)

12:30–14:00 Uhr: Stadtführung „Wittenberg romantisch“ (Dr. Insa-Christine Hennen, Lutherstadt Wittenberg)

14:00–14:30 Uhr: Eröffnung des Workshops (Matthis Glatzel, Jena; Dr. Karl Tetzlaff, Lutherstadt Wittenberg)


A  Romantische Reformationsrezeptionen 

14:30–15:30 Uhr Vortrag I: Wider „die heilige Allgemeinheit der Bibel“ (Novalis). Frühromantische Kritik am protestantischen Schriftprinzip (PD Dr. Yvonne Al-Taie, Kiel) 

15:30–16:30 Uhr Vortrag II: „Die Individualität ist das Ewige im Menschen“ (Schlegel). Romantik und protestantische Individualitätskultur (Dr. Karl Tetzlaff, Halle/Wittenberg)

16:30–17:00 Uhr: Kaffeepause

17:00–18:00 Uhr Vortrag III: „Geselligkeit als des ‚Zweifels Weihe‘. Lebenswege und allgemeines Priestertum in W.M.L. de Wettes Theodor-Roman (1822) vor dem Horizont der protestantischenTtheologie und Fömmigkeit seiner Zeit“ (PD Dr. Peter Schütz, München)

18:00–19:30 Uhr: Gemeinsames Abendessen

19:30–21:00 Uhr Öffentliche Abendveranstaltung: Zwischen Luther und Lore-Ley. Lesung und Gespräch mit Feridun Zaimoglu

Danach: geselliges Beisammensein im Bibliotheksraum/Lectorium

 

28. Mai 2024

B  Protestantische Romantikrezeptionen

09:00–10:00 Uhr Vortrag IV: Reformation oder Romantik? Romantikkritik bei Emil Brunner und in der Dialektischen Theologie (Prof. Dr. Alf Christophersen, Wuppertal)

10:00–10:30 Uhr: Kaffeepause

10:30–11:30 Uhr Vortrag V: Von den Nachtwachen zum Nachtgebet? Romantische Motive bei Dorothee Sölle (Prof. Dr. Elisabeth Hartlieb, Marburg) 

11:30–12:30 Uhr Vortrag VI: „Heilige Revolution“. Hermann Timms theologische Entdeckung der Romantik (Prof. Dr. Christan Senkel, Halle)

12:30–13:30 Uhr: Mittagspause

13:30–14:30 Uhr: Impulsreferat und Abschlussdiskussion (Matthis Glatzel, Jena)

Bürgermeisterstraße 16, Wittenberg (bekannt als „alte Sternwarte“) mit der Bronzetafel und dem Schriftzug „Novalis“

Teilnehmende des Spaziergangs „Wittenberg romantisch“

Teilnehmende des Spaziergangs „Wittenberg romantisch“ vor der Thesentür der Schlosskirche Wittenberg

Karl Tetzlaff bei seinem Vortrag „‚Die Individualität ist das Ewige im Menschen‘. Protestantische Individualitätskultur in der Romantik“

Elisabeth Hartlieb spricht über romantische Motive bei Dorothee Sölle

Feridun Zaimoglu im Gespräch mit Sandra Kerschbaumer