Jadwiga Kita-Huber, Jörg Paulus (Hgg.)

Schreiben im Zeichen des Umbruchs

Briefe von Schriftstellerinnen aus der Sammlung Varnhagen (1798–1858)

Franz Steiner Verlag 2025

1910 ließ der deutsche Buchantiquar Martin Breslauer einen eleganten Privatdruck in 225 Exemplaren bei der Leipziger Druckerei Poeschel & Trepte erstellen. Das Oktav-Format war für die Generalversammlung der Gesellschaft der Bibliophilen, die in diesem Jahr in Berlin tagte, gedacht. Solche kleinen Jahresgaben für die Mitglieder gehörten zur Tradition des Treffens: Sie waren oft ein Nachdruck oder ein Essay des Schenkers. Diesmal bargen aber die 23 Seiten einen seltenen Schatz „aus de[m] reichen handschriftlichen Nachlass Varnhagens von Ense“: erstmalig abgebildete und transkribierte Dokumente von und um Corona Schröter, Schauspielerin und Sängerin der Goethe-Zeit. Im Nachwort ist Breslauers Faszination für die Art und Weise, wie der „feinsinnige Varnhagen“ seinen „Handschriftenschatz“ ordnete, spürbar: „In seiner klaren, zierlichen Schrift, die an die reizvolle Type Ungers erinnert, hat er die Urteile der Zeitgenossen […] verzeichnet. Zahlreiche farbige und weiße Zettel und Zettelchen, aus den unbenutzten Blättern und Briefbogen geschnitten, künden von dem Sammlereifer Varnhagens“. Eine echte Entdeckung, sogar für einen profunden Kenner wie Breslauer – und der verborgene Schatz verbarg sich inmitten der Hauptstadt Berlin! „Die Kenntnis dieses Handschriftenschatzes danke ich der Liebenswürdigkeit eines Bibliothekars, der […] wünscht, hier ungenannt zu bleiben.“ (alle Zitate aus M.B. [Martin Breslauer] in: Briefe und Zeugnisse, zum 4. Dezember 1910. Corona Schröter, 1910, S. 22–23). Es klingt wie ein Staatsgeheiminis und in der Tat ist die Geschichte dieser Sammlung für lange Zeit eine geheimnisvolle Geschichte, die mit dem nationalen und internationalen Geschehen der letzten Jahrzehnte verquickt ist.

Nach dem Ableben Karl August Varnhagens wurde die schon sehr reiche Sammlung (Autographen und Korrespondenzen, die ihm und seiner Frau Rahel gehörten) von der Nichte Ludmilla Assing (1821–1880) verwaltet und großzügig erweitert, oft unter Mitwirkung ihrer Schwester Ottilie. Nach Ludmilla Assings Tod kam das Ganze durch ihre testamentarische Schenkung an die Staatsbibliothek Berlin. Dort wurde die Sammlung nach dem Willen der Verstorbenen in einem besonderen Zimmer, das erst 1892 fertiggestellt wurde, der Öffentlichkeit zugänglich gemacht: Aber immer öfter wurde der wissenschaftliche Zugang zu den Papieren aus verschiedensten Gründen verweigert (vgl. Nikolaus Gatter, Wohin meine Landsleute jederzeit leicht anreisen können. Ludmilla Assings Vermächtnis die Varnhagensammlung, in: Monika Jaglarz (Hg.), Bestände der ehemaligen Preußischen Staatsbibliothek zu Berlin in der Jagiellonen-Bibliothek, 2018, S.313–327).

Die erste (und in vielerlei Hinsicht einzige!) Katalogisierung des Nachlasses von der Hand des Bibliothekdirektors Ludwig Stern erschien 1911 und zwar posthum. Es folgten zwei Weltkriege: 1942 wurden die wichtigsten Autographen der Sammlung Varnhagen, zusammen mit anderen Schätzen aus Berlin, in ein polnisches Kloster (die barocke Abtei Grüssau) ausgelagert. Seit Kriegsende liegt die handschriftliche Sektion der Sammlung Varnhagens als Teil des Bestandes „Berlinka“ in der Jagiellonnska Bibliothek in Krakau, aber sichere Kunde vom Erhalt der lange als verschollen eingestuften Sammlung erreichte die Wissenschaft erst in den Jahren 1980/81 und nur wenige Forscher:innen hatten Zugang zu den Papieren. Erst seit 2000 sind interdisziplinäre und internationale Tagungen und Forschungsprojekte initiiert worden, um die reichen Materialien zu erfassen und zu edieren. Seit Frühjahr 2020 verbindet ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und dem Nationalen Zentrum für Wissenschaft gefördertes Projekt die Bauhaus-Universität Weimar und die Jagiellonen-Universität. Ziel ist die Erschließung der Lebenszeugnisse weiblicher Autoren in der Sammlung Varnhagen in einer digitalen Edition (vgl. Bauhaus-Universität Weimar: Schriftstellerinnen aus der Sammlung Varnhagen – Briefe, Werke, Relationen, abgerufen am 29.12.2025).

Die Herausgeber der hier rezensierten Publikation Jadwiga Kita-Huber und Jörg Paulus erbrachten schon wichtige Forschungsergebnisse zur Sammlung Varnhagen: ich erinnere nur an eine dokumentarische Ausstellung mit diesem Thema in der Jagiellonnen-Bibliothek (2022), an eine internationale Tagung "... für die bevorstehende Sammlung zu benutzen." Poetologisch-ästhetische, literaturarchivalische und literaturhistorische Perspektiven auf Dokumente von Schriftstellerinnen in der Sammlung Varnhagen", (Krakau, 3.–5. November 2022) und an den darauffolgenden Tagungsband Signaturen der Vielfalt: Autorinnen in der Sammlung Varnhagen (2024, auch open access).

Der bedeutendste Teil und dezidierte Schwerpunkt der Varnhagen-Sammlung ist in der Tat das weibliche Schreiben: eine absolute Seltenheit in der Archiv-Welt, in der lange hauptsächlich große männliche Namen für aufbewahrungswürdig galten (vgl. auch das Projekt: Lost in Archives - Innovative Frauen im Fokus, abgerufen am 29.12.2025).

Die Sammlung Varnhagen enthält nicht nur Rahels Schriften und ihre enormen Korrespondenzen, sondern auch die Dokumentation von Karl August Varnhagen selbst, der stets im Kontakt mit Schriftstellerinnen seiner Zeit stand, sich für deren Werdegang interessierte, ihre Autographen eifrig sammelte. Unter dem Titel Schreiben im Zeichen des Umbruchs haben Jagdwita Kita- Huber, Jörg Paulus und ihre Mitarbeiter nun 131 Briefe von Schriftstellerinnen des 18. und 19. Jahrhunderts aus dem Krakauer Bestand ausgesucht und transkribiert. Zwischen der ersten Korrespondenz (Anna Luise Karsch, 1722–1791, an Helmine von Chézy, 1783–1856) und der letzten (Fanny Tarnow, 1779–1862, an Ludmilla Assing, 1821–1880) vergeht ein Jahrhundert. Und damit vergehen die Französische Revolution, die Napoleonischen Kriege, die Restauration, die Pariser Revolution und das Jahr 1848 mit einer neuen emanzipierten Gesellschaft. Varnhagen suchte gezielt nach Autographen von kulturell, sozial und politisch engagierten schreibenden Frauen.

Wir finden in diesem Band, unverkürzt und sachlich kommentiert (seltene Praktiken in der Edition von Frauenbriefen!), u.a. die Korrespondenzen von und an Elise Sommer (1761–1836), Therese Huber (1764–1829), Dorothea Schlegel (1764–1839), Friedericke Brun (1765–1835), Meta Liebeskind (1765–1853), Caroline Pichler (1769–1843), Sophie Mereau-Brentano (1770–1806), Rahel (1771–1833), Caroline de la Motte-Fouqué (1774–1829), Amalie von Helvig (1776–1831), Charlotte von Ahlfeld (1777–1849), Amalie von Voigt (1778–1840), Fanny Tarnow (1779–1862), Karoline von Woltmann (1782–1847), Emilie Lohmann (1783–1830), Rosa Maria Assing (1783–1840), Wilhelmine Lorenz (1784–1865) Bettina von Arnim (1785–1859), Elise Ehrhardt (1789–1833), Elise von Hohenhausen (1789–1857), Amalie Schoppe (1791–1858), Emma Maria Friedricke von Suvow (1807–1876) und Amalie Struve (1824–1862). Allen Protagonist:innen ist am Ende des Bandes ein kurzes Biogramm gewidmet.

Der Band präsentiert Briefe; das Ergebnis aber ist ein Dialog, ja viel mehr noch eine Polyphonie, die die Beteiligung weiblicher Akteure an gesellschaftlicher Gestaltung und an Reflektionsprozessen in der vollen Breite der kulturellen, religiösen und politischen Diskurse ihrer Zeit dokumentiert, also in Handlungsräumen, in die Frauen in der Öffentlichkeit (auch nach der Französischen Revolution) kaum eindringen konnten und sich umso mehr bemühten, dies im privaten Medium des Briefwechsels zu erreichen (vgl. Jagdwita Kita-Huber, (Un)einig? Generationen von Schriftstellerinnen im Dialog über die Emanzipation von Frauen: Helmina von Chézy, Amalia Schoppe und Amalie Struve, in: German Life and Letters (2024), Wiley Online Library, abgerufen am 29.12.2025). Debattiert wird in diesem Briefwechsel auch über literarische Produkte, die den neuen (aber immer noch prekären) Status der Schriftstellerin befestigen wollten: über die Zeitschrift Iduna, über Rahels Buch des Andenkens, über Abraham Voßes Deutschlands Dichterinnen (von 1500 bis 1846) in chronologischer Folge, oder noch über Chezys Werk Unvergessenes.

Genau wie die zu Anfang erwähnte exklusive Publikation Breslauers über Corona Schröter lässt auch dieser Band, mehr als ein Jahrhundert später, uns die Faszination für den unerschöpflichen Reichtum dieses besonderen Archives spüren, aber anders als im Jahr 1910 steht in Schreiben im Zeichen des Umbruchs nicht die einzelne Persönlichkeit in Mittelpunkt, sondern ein dynamisches, aufklärerisches, internationales Netzwerk in steter Bewegung. Durch die Open-Access-Plattform und diese (und zukünftige) Publikation(en) wird endlich die Varnhagen von Ense'schen Sammlung, wie es die Stifterin Ludmilla Assing wollte, „der allgemeinen Benutzung möglichst überlassen“ (Brief an die Königliche Bibliothek zu Berlin (Konzept), 5. Juli 1872, Sammlung Varnhagen, Kasten 19) und kann so zu weiterer Forschung anregen.

 

Rezension verfasst von Francesca Fabbri

Schreiben im Zeichen des Umbruchs