John Claiborne Isbell

Staël, Romanticism and Revolution

The Life and Times of the First European

Cambridge University Press 2023

John Clairborne Isbell ist einer der profiliertesten Erkunder der europäischen Romantik im Allgemeinen (The People’s Voice. A Romantic Civilzation, 1776-1848 [1996],

An Outline of Romanticism in the West [2022]) und der Werke von Germaine de Staël im Speziellen, deren – zumindest aus deutscher Perspektive – Hauptwerk er eine große Studie gewidmet hat (The Birth of European Romanticism: Truth and Propaganda in Staël’s „De l’Allemagne“ [1994]); auch ist er ein regelmäßiger Beiträger in den von der Societé des Études Staëliens herausgegebenen Cahiers Staëliens.

Das vorliegende Buch kann man als eine Summe von Isbells Beschäftigung mit Germaine de Staël lesen. Elf der 17 Kapitel des Buches sind bereits in verschiedenen Zeitschriften und Sammelbänden erschienen, sechs sind eigens für den Band geschrieben worden – so, dass die Kapitel, welche einzelne Werke bzw. Werkkomplexe in den Blick nehmen, in ihrer Abfolge so etwas wie eine intellektuelle Biographie de Staëls ergeben. Die Schlagworte des Titels – „Romanticism“, „Revolution“ und „the First European“ bedürfen im Zusammenhang mit de Staël vielleicht einer kurzen Erklärung: Dass man sie als „Romantikerin“ sieht, ist vergleichsweise neu, beginnt doch die traditionelle französische Literaturgeschichtsschreibung die Epoche der Romantik oft erst mit Lamartines 1820 erschienenen Méditations, während die um 1800 auftretende Generation merkwürdig namenlos zwischen den Epochen liegt (vgl. den Sammelband Une „période sans nom“. Les années 1780-1820 et la fabrique de l'histoire littéraire, hrsg. von Fabienne Bercegol, Stéphanie Genand und Florence Lotte, Paris 2016). Mittlerweile hat sich indes die Erkenntnis durchgesetzt, dass auch diese frühere, stark von Rousseau geprägte Generation – mit de Staël, Chateaubriand, Senancour und anderen – deutliche Züge des Romantischen trägt. „Revolution“ ist zumindest insofern missverständlich, als dass man meinen könnte, de Staël wäre im Dienste der Französischen Revolution tätig gewesen. Das ist nicht der Fall, sie war eine leidenschaftlich engagierte Gegnerin der Revolution. Aber selbstverständlich prägten die historischen Vorgänge ihr Denken und ihr Werk. Außerdem ist sie mit ihren theoretischen Schriften doch Teil einer Revolution, wenn auch einer friedlichen und ästhetischen: nämlich als eine der Gestalten, mit der, zumindest in Frankreich und im übrigen Europa, die Romantik ihren Einzug hält. Ob de Staël jedoch wirklich „the First European“ ist? Darüber kann man sicher streiten – so viel steht jedoch fest: Die mit einem schwedischen Baron zwangsverheiratete Tochter des französischen Finanzministers Jacques Necker ließ sich im Lauf ihres Lebens auf Europa ein – wir kommen gleich noch darauf zurück.

De Staëls besondere Stellung in ihrer Zeit erklärt sich auch aus der Tatsache, dass sie in mehrerlei Hinsicht eine Außenseiterin innerhalb der französischen Gesellschaft war (bzw. der Pariser Gesellschaft, was fast auf dasselbe herauskommt): als Frau, als Protestantin, als Liberale; nachdem sie von Napoleon ins Exil geschickt worden war, residierte sie in dem von ihrem Vater geerbten Schloss Coppet am Genfer See und versuchte als eine Art Staatsfeind Nr. 1 von außen Einfluss auf die französischen Verhältnisse zu nehmen. Sie wurde das Zentrum der sogenannten „Groupe de Coppet“, zu deren engstem Kreis Benjamin Constant, Charles Victor de Bonstetten, August Wilhelm Schlegel und Jean de Sismondi gehörten, zu den häufigen deutschen Gästen etwa auch Adelbert von Chamisso, Wilhelm von Humboldt oder Zacharias Werner.

Zur Europäerin wurde sie nicht nur durch die Übersetzung ihrer Schriften, sondern auch durch die zahlreichen, freiwillig und unfreiwillig unternommenen Auslandsreisen – nach Deutschland und Österreich sowie nach Italien, dann, als Napoleon 1810 das Erscheinen ihres Buches De l’Allemagne verhindern wollte, war sie auch in der Schweiz nicht mehr sicher und trat eine lange Reise über Tschechien, Polen und Russland nach Schweden und schließlich nach England an. Zu Recht also trägt Isbells Buch einen Satz aus einem Brief de Staëls aus London einen Tag vor ihrer Rückkehr nach Frankreich an Karoline von Häseler, Baronin von Berg (die Empfängerin verschweigt Isbell) vom 5. Mai 1814 als Motto: „L’exil m’a fait perdre les racines qui me liaient à la France et je suis devenue par mes goûts européenne.“

De Staël wurde im Geiste der Aufklärung erzogen, im Salon ihrer Mutter Suzanne Necker verkehrten Buffon, d’Alembert, Diderot, Melchior Grimm, La Harpe, Marmontel, Raynal und andere. Trotz ihres im Grunde klassizistischen Geschmacks war sie offen für Neues und tolerant gegenüber anderen Meinungen. So unterstützte sie August Wilhelm Schlegels (auf Französisch verfasste) heftige Polemik Comparaison entre La Phèdre de Racine et celle d'Euripide (1807), die stark zu Ungunsten Racines ausfällt, der einer von de Staëls Lieblingsdichtern war und dessen Phèdre sie selbst mehrmals bei den privaten Aufführungen in Coppet und anderswo dargestellt hat. – De Staël war tolerant, neugierig, optimistisch und engagiert; Isbells Buch schließt mit einem Kapitel über ihren lebenslangen Kampf gegen die Sklaverei (vgl. S. 200-211).

Eine Biographie wie zuletzt die von Michel Winock (Madame de Staël, Paris 2010) kann und will Isbells Buch nicht ersetzen. Zwar folgt er der Chronologie von de Staëls Leben, aber die Abschnitte seines Buches konzentrieren sich schlaglichtartig auf einzelne ihrer Werke und Tätigkeitsfelder, wobei meist (literatur-)politische Fragen im Zentrum des Interesses stehen, auch hat Isbell ein druckhistorisches Interesse: So listet er von de Staëls erster größerer Veröffentlichung – den Lettres sur Jean-Jacques Rousseau von 1788 – gleich 16 unterschiedliche zeitgenössische Drucke auf (vgl. S. 25-29); auch weist er nach, dass die drei Exemplare der Erstauflage von De l’Allemagne (1810), die der Konfiszierung und Vernichtung der gesamten Auflage durch Napoleons Polizei entgangen sind, sich voneinander unterscheiden und also verschiedene Arbeitsstufen darstellen (vgl. 109-123).

Isbell zeigt „Staël in action“ (S. 212): Als Ghostwriterin ihres Liebhabers Louis de Narbonne, Kriegsminister im nachrevolutionären Frankreich, – mehrfach weist Isbell ihm einen ‚staëlschen Ton‘ nach (vgl. S. 32f.) – oder in derselben Rolle bei ihrem späteren Geliebten Benjamin Constant und bei ihrem letzten Ehemann John Rocca (vgl. S. 42ff) – immer geht es ihr darum, die ihr als Frau von der Gesellschaft verwehrte Wirksamkeit auszuüben.

De Staël möchte an der Zukunft zunächst Frankreichs, dann Europas aktiv mitarbeiten: Ihre Abhandlung De l’influence des passions sur le bonheur des individus et des nations (1796) entwirft auf der Basis einer gründlichen Auseinandersetzung mit der abendländischen Philosophie eine „moral vision“ (S. 51), ein moralisches Prinzip, mit dem die nachrevolutionären Kämpfe beendet werden könnten. De la littérature considerée dans ses rapports avec les institutuions sociales (1800) – laut Isbell „a cluttered text“ (S. 59) – ist am ehesten als ein geschichtsphilosophisches Werk zu lesen, dessen Blick optimistisch in eine europäische Zukunft gerichtet ist.

Ihr nach Delphine (1803) zweiter Roman Corinne ou l’Italie (1807) zeigt de Staëls poetischen und politischen Anspruch, wenn die Titelheldin, ihr nur schwach kaschiertes alter ego, auf dem Kapitol in Rom zur Dichterin gekrönt wird. Auch Corinne ist ein europäischer Roman: Ihr Geliebter ist ein Engländer, sie selbst Italienerin und – fünf Jahre nach Lord Byrons Childe Harold – ein nun weiblicher ‚romantic hero‘ (vgl. S. 95). Auch die zahlreichen philosophischen und literarischen Einflüsse zeugen von de Staëls breitem Blick – an deutschen Einflüssen nennt Isbell „Lessing’s Laokoön and Wie die Alten den Tod gebildet, Goethe, Immanuel Kant, and Friedrich Wilhelm Joseph Schelling […]; Goethe […], Wilhelm von Humboldt, Johann Joachim Winckelmann, and both Schlegels.“ (S. 97) Was de Staël besonders von August Wilhelm Schlegel übernommen hat, der sich seit 1804 in Coppet aufhielt und Begleiter de Staëls auf der Italienreise, von der der Roman zehrt, war, ist kaum abzusehen – besonders dürften die Passagen über deutsche und lateinische Literatur im Roman, auch die über Shakespeare, von ihm angeregt worden sein.

Ein ganzes Kapitel ist der umfangreichen Theaterproduktion de Staëls gewidmet (vgl. S. 100-108), die, weil nicht gedruckt, den Zeitgenossen unbekannt geblieben ist. Ihre Wirkung war ganz auf die Zuschauer ihrer privaten Aufführungen beschränkt – für Isbell ein „romantic theatre“, dessen Erkundung sich lohnt. Auch hier weist er wechselseitige deutsch-französische Einflüsse nach: So ist „Geneviève“ wohl durch Schlegel vermittelt von Ludwig Tiecks Lesedrama Leben und Tod der heiligen Genoveva (1800) beeinflusst (vgl. S. 105), während de Staëls Le mannequin durch Chamisso vermittelt E.T.A. Hoffmanns Der Sandmann inspiriert haben dürfte (vgl. S. 101). Übrigens ist Zacharias Werners Der vierundzwanzigste Februar 1809 in Coppet uraufgeführt worden, mit Werner selbst in der Rolle des alten Kuntz und Schlegel in der Rolle von dessen Sohn Kurt.

Auch die beiden letzten großen Werke de Staëls, beide postum veröffentlicht, widmet Isbell jeweils ein eigenes Kapitel: Erstens das über de Staëls Erinnerungen an ihre Zeit im Exil, Dix années d’exil (1820), das Isbell „The Napoleon Apocalypse“ überschrieben hat, und in dem er nachweist, wie sehr der französische Kaiser von de Staël, die in Coppet auch ein starkes Interesse an mystischen Texten hatte, zu einem Hauptdämonen und zum Antichrist stilisiert worden ist. Zweitens Considérations sur les principaux événemens de la Révolution Françoise (1818), ein Buch, das mit der Französischen Revolution abrechnet und mit dem de Staël gleichzeitig an die Anfänge unter ihrem Vater Jacques Necker und ihrem Liebhaber Narbonnen anknüpft.

Isbells Buch wird für jeden, der sich mit de Staël und mit den Anfängen der Romantik in Frankreich bzw. in Europa beschäftigen will, eine so lehr- wie erkenntnisreiche Lektüre sein.

 

Rezension verfasst von Stefan Knödler

Staël, Romanticism and Revolution